Weibliche »Spukgeister« im frühen Druckgewerbe

Vor über einem Jahr hat mir ein befreundeter Buchdrucker diesen schönen Band geschenkt, den ich damals natürlich wegen des Themas und der Entstehungszeit – das Buch schien sich allgemein mit dem Buchdruck zu befassen und wurde in der Hochzeit des Deutschen Buchgewerbes, Anfang des 20. Jahrhunderts, gedruckt – gerne entgegengenommen habe. Von besonderem Reiz war oder ist aber seine hochwertige Ausstattung – Leineneinband mit Goldprägung, dreiseitiger Blauschnitt, Fadenheftung und hochwertiges, offenbar weitgehend holzfreies, leicht Chamois-farbenes Papier –, die schöne Gestaltung und der Satz aus einer Schwabacher. Der Druck erfolgte bei der renommierten Leipziger Druckerei Radelli & Hille, die unter anderem für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, für Verlage wie Eugen Diederichs und J. A. Barth oder eben auch für den Verband der Deutschen Buchdrucker gearbeitet hat, der jene Festschrift von 1916 herausgegeben hat (dazu s. den Beitrag ›Sachsens ältester aktiver Buchdrucker schwört immer noch auf Handarbeit‹ in: Journal für Druckgeschichte, N.F. 5 [1999] Nr. 4).

Krahl, Willi: Der Verband der Deutschen Buchdrucker: Fuenfzig Jahre deutsche gewerkschaftliche Arbeit mit einer Vorgeschichte. Berlin: Radelli & Hille, 1916

Da sich der Band auf den ersten Blick vor allem mit dem genannten Verband und seiner Geschichte zu befassen schien und auch allerlei Zahlen und statistische Auswertungen enthielt, drängte sich die Lektüren zunächst nicht gerade auf. Auf der Suche nach Informationen zur Stellung der Frau im graphischen Gewerbe im Zusammenhang mit einem Projekt des ›Vereins für die Schwarze Kunst‹ fiel mir der Band jedoch wieder ein. Bei nun sorgfältigerer Lektüre kamen dann neben Ausführungen zur Verbandsgeschichte auch hochinteressante Abschnitte etwa zur wirtschaftlichen und sozialen Geschichte und Organisation des Buchdrucks von der Zeit Gutenbergs bis ins 19. Jahrhundert sowie zum Ende des Postulats und dem Entstehen des ›Gautschens‹ als Übergangszeremonie vom Lehrling zum Gesellen zum Vorschein.

Krahl, Willi: Der Verband der Deutschen Buchdrucker: Fuenfzig Jahre deutsche gewerkschaftliche Arbeit mit einer Vorgeschichte. Berlin: Radelli & Hille, 1916

Von Frauen war aber weit und breit keine Rede, bis dann auf den Seiten 148f. ein langer Absatz auffiel, der mit folgendem, vielsagendem Satz eingeleitet wurde: »Frauenarbeit im Buchdruck- und Schriftgießergewerbe trat schon recht früh als Spukgeist auf.« Auch die weiteren Ausführungen sind von ähnlicher Geisteshaltung geprägt. Nachdem in den ersten zweieinhalb Jahrhunderten offenbar keine Frauen in Druckereien beschäftigt wurden, nutzten »im 18. Jahrhundert dagegen […] die Winkeldruckereien und Hudeleyen häufiger diesen Ausweg, weil ›redliche Gesellen‹ in denselben Kondition nicht annehmen durften«. Frauen kamen offenbar nur in kleineren Familienbetrieben zum Einsatz, denen keine »vollgültigen Druckereiinhaber« vorstanden. Anders hingegen in Schriftgießereien. Dort »scheint die Frauenarbeit aber nicht nur in Betrieben üblich gewesen zu sein, die in culpa (Verruf) standen. Sie beschränkte sich offenbar auch nicht auf die Tätigkeit von Hilfsarbeiterinnen im heutigen Sinne, […].« Stattdessen übernahmen Frauen dort jeden Arbeitsschritt, zumindest bis zur Einführung des industriellen Schriftgusses um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Letztlich habe man aber schon damals gewusst, »welches die Nachteile der Frauenarbeit gewesen wären. So spukte diese denn nur dann und wann in früherer Zeit«, da es wenig »Erwartungen auf billigere Produktion« gab. »Später aber waren mehr solcher Beglückungsversuche zu verzeichnen.« Spöttischer kann eine Missachtung kaum zum Ausdruck gebracht werden.

Tatsächlich sind aus der Frühzeit des Druckgewerbes zahlreiche Frauen als Druckerinnen oder Leiterinnen von Druckereien bekannt. Allerdings handelt es sich in den Fällen um Frauen, die entweder als Ehefrauen in der Werkstatt mitarbeiteten, als Witwen die Druckerei fortführten oder von ihren Vätern ins Gewerbe eingearbeitet wurden und nach deren Tat etwa gemeinsam mit dem Faktor oder Söhnen die Druckerei weiter betrieben.

Zwar ist die erste Frau, die in einem Kolophon eines deutschen Druckes genannt wird, die Augsburgerin Anna Rüger(in). Sie war die Witwe des Goldschmiedes und Buchdruckers Thomas Rüger, der mit Johann Schönsperger zusammengearbeitet hat. Nach Rügers Tod hat Anna die Offizin bis 1484 weitergeführt. Unter ihrem Namen firmieren allerdings nur zwei Drucke aus eben diesem Jahr, eine Ausgabe des Sachsenspiegels (s.u.) und ein Briefbuch, das wiederum der Nachdruck eines Fomularbuchs Schönspergers ist. Da für beide Drucke eine Type von Johann Schönsperger verwendet wurde, gilt es als wahrscheinlich, dass die Bücher nicht in Anna Rügers Offizin, sondern von Schönsperger gedruckt wurden, um seine Schulden aus der früheren Zusammenarbeit mit Annas verstorbenem Ehemann zu begleichen.

Eike von Repgow: Sachsenspiegel. Landrecht mit Glosse. Augsburg: Anna Rügerin, 22.06.1484 (Kolophon); Bayrische Staatsbibliothek München

Tatsächlich tauchen, so Albrecht Classen, »in den meisten Fällen Frauen als Buchdruckerinnen […] nicht vor dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts auf« (Classen 2000, S. 194). In seinem Beitrag im Gutenberg-Jahrbuch von 2000 beschreibt er mehr als zwei Dutzend Fälle aus dem 16. und 17. Jahrhundert und stellt fest:

[…], daß selbst auf einem so wichtigen Gebiet wie dem Buchdruck – in Analogie dazu wäre an die mittelalterliche Schreibstube bzw. das klösterliche Scriptorium zu denken – eine Reihe von Frauen tätig waren, die dadurch wahrscheinlich einen großen Einfluß auf die intellektuelle oder schlicht lesehungrige Öffentlichkeit ausübten und zugleich durch ihre Tätigkeit eine beträchtliche ökonomische Stellung einnahmen.

Classen 2000, S. 182

Von den Frauen, die aus dem 16. Jahrhundert als Leiterinnen einer Druckerei bekannt sind, sei zum einen Magdalena Morhart erwähnt, die nach 1554 die Offizin ihres verstorbenen Mannes Ulrich Morharts d.Ä., der damals führenden Druckerei in Württemberg, zusammen mit ihren beiden Söhnen aus erster Ehe, Oswald und Georg Gruppenwald, weiterführte.

Typisch für die damalige Zeit ist auch die Geschichte von Margaretha Prüß, der Tochter von Johann Prüß d.Ä., der einer der bedeutendsten Drucker Straßburgs war. Nach seinem Tod 1510 heiratete Margaretha Reinhard Beck, einen Angestellten ihres Vaters, der die Druckerei weiterführte. Nach dessen Tod 1521 heiratete wiederum deren gemeinsame Tochter Ursula den Drucker Wolfgang Forter und leitete selbständig die väterliche Druckerei, bis ihre Mutter Margaretha 1524 wiederum heiratete und mit ihrem zweiten Ehemann, dem ehemaligen Franziskaner Johann Schwan, die Druckerei fortführte. Auch nach dessen Tod heiratete Margaretha rasch wieder, 1527, und setzte die Arbeit der Offizin mit ihrem dritten Ehemann, Balthasar Beck, weiter fort.

Die Geschichten beider Frauen, Magdalena Morhart und Margaretha Prüß, sind auch heute offenbar noch so reizvoll, dass in den vergangegen Jahren zwei historische Romane über sie erschienen sind: ›Die Buchdruckerein‹ 2011 von Sabine Weiß über Margaretha Prüß und ›Die Herrin der Lettern‹ 2019 von Sophia Langner über Magdalena Morhart.

Über zwei weitere Frauen, die in Nürnberg die Druckereien ihrer Ehemänner nach deren Tod zum Teil selbständig weiterführten, Kunigunde Hergott und Katharina Gerlach, berichteten zuletzt ausführlich Evelyn Hanisch und Friederike Willasch in ihrem Beitrag ›Frauen in einer Männerdomäne – Druckerinnen im 16. Jahrhundert?‹ von 2018 im Blog-Netzwerk der Staatsbibliothek zu Berlin.


Kolophon von Witzstat, Hans: Der geistlich buchßbaum. Von dem streyt des fleyschs wider den Geist, gedruckt zu Nürnberg durch Kunegund Hergotin (um 1528); Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Während es Frauen in Deutschland u.a. durch den Zunftzwang lange Zeit unmöglich war, ihren Lebensunterhalt selbständig im Druckgewerbe zu erwirtschaften, sah die Situation im 18. und 19. Jahrhundert etwa in den liberaleren Vereinigten Staaten von Amerika oder in Frankreich nach der Revolution erheblich anders aus. Es gab Ausbildungsstätte für Setzerinnen, und berühmt ist auch Margherita Dall’Aglio Bodoni, die Frau Giambattista Bodonis, die dessen opus magnum, das Manuale Tipografico, fünf Jahre nach Bodonis veröffentlicht hat.

Insgesamt scheint die Rolle von Frauen in der frühen Druckindustrie zumindest von der deutschsprachigen Fachwelt aber noch unzureichend beachtet zu werden. Es gibt zwar einige Aufsätze zu dem Thema, aber umfangreiche Untersuchungen, Monographie sind dazu kaum bekannt. Die 1996 erschienene Habilitation von Brigitte Robak ›Vom Pianotyp zur Zeilensetzmaschine. Setzmaschinenentwicklung und Geschlechterverhältnis 1840–1900‹ beleuchtet zumindest die Verhältnisse vor allem im 19. Jahrhundert und analysiert die Gründe für den Wandel der Frauenarbeit durch die Einführung der Linotype- und Monotype-Setzmaschienen, wonach zunächst Frauen an den Setzmaschinen gearbeitet haben und nach langem und forciertem Widerstand um die Jahrhundertwende durch Männer von ihrem Arbeitsplatz verdrängt wurden. In dem 2016 von der Maximilian-Gesellschaft herausgegebenen Band ›Estermann, Monika; Schmidt, Frieder: Die Buchkultur im 19. Jahrhundert, Bd. 2,1: Zeitalter, Materialität, Gestaltung. Hamburg : Maximilian-Gesellschaft, 2016‹ wird das Thema hingegen noch nicht einmal gestreift. Zuletzt geht Dan Reynolds in seiner lesenswerten Dissertation zumindest auf wenigen Seiten auf die »dramatic gender imbalance« (Reynolds 2020, S. 39) im deutschen Druckgewerbe des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts ein. In dem ebenfalls 2020 erschienenen kleinen Sammelband ›Natural Enemies of Books. A Messy History of Women in Printing and Typography‹ werden, gleichsam in Fortsetzung des 1937 in New York erschienenen Sammelbandes ›Bookmaking on the Distaff Side‹, in Essays und Interviews die Veränderungen der ökonomischen und materiellen Arbeitsverhältnisse von Frauen im graphischen Gewerbe v.a. in Europa respektive Großbritannien ab den 1940er Jahren bis 2020 unter feministischem Gesichtspunkt beleuchtet.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Druckindustrie zumindest in Deutschland respektive in der BRD bis in den 1970er Jahren noch eine reine Männerdomäne war:

Gründe hierfür lagen neben den gesellschaftlichen Vorurteilen auch im Arbeits- und Gesundheitsschutz. So war Frauen z. B. der Umgang mit Blei im Satzbereich verboten. Aber auch der Umgang mit schweren Druckformen machte Frauen eine Tätigkeit als Druckerin nahezu unmöglich. Interessanterweise sind Frauen in Großbetrieben allerdings als billig bezahlte Hilfskräfte im Umfeld von Druckmaschinen und in der Weiterverarbeitung durchaus üblich gewesen und leisteten oft Schwerstarbeit z. B. beim Vorstapeln großformatiger Druck-
bogen.

Braml, Rainer; Krämer, Heike; Zentral-Fachausschuss Berufsbildung, Druck und Medien (Hrsg.): Vom Wandel der Berufe in der Druckindustrie. Kassel : MedienBildung VerlagsGmbH, 2019. S. 8

In den 1980er-Jahren entwickelte sich der prozentuale Anteil der Frauen indes endlich deutlich nach oben. 1985 waren in der BRD etwa 20% der Schriftsetzer Frauen, bei den Druckern war ihr Anteil mit 15% jedoch geringer (W. Dostal: Beschäftigungswandel in der Druckerei- und Vervielfältigungsindustrie […], in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 21. Jg./1988, S. 109) .

Literatur

  • Reynolds, Daniel John Andrew: Schriftkünstler. A Historiographic Examination of the Relationship Between Handcraft and Art Regarding the Design and Making of Printers Type in Germany between 1871 and 1914. Braunschweig: Hochschule für Bildende Künste, 2020. S. 39–42
  • Fanni, Maryam; Flodmark, Matilda; Kaaman, Sara (Hrsg.): Natural Enemies of Books. A Messy History of Women in Printing and Typography. London : Occasional Papers, 2020
  • Hanisch, Evelyn; Willasch, Friederike: Frauen in einer Männerdomäne – Druckerinnen im 16. Jahrhundert?, Beitrag im Blog-Netzwerk der Staatsbibliothek zu Berlin – Beiträge für Forschung und Kultur, 26.12.2018
  • Sabine Koloch: Kommunikation, Macht, Bildung : Frauen im Kulturprozess der Frühen Neuzeit, Berlin: Akademie-Verlag, 2011. S. 39–42
  • Hofmann-Weinberger, Helga: Die Witwen oder: Frauen im (österreichischen) Buchdruck, in: Frida, Verein zur Förderung und Vernetzung Frauenspezifischer Informations- & Dokumentationseinrichtungen in Österreich (Hrsg.): KolloquiA. Frauenbezogene, feministische Dokumentation und Informationsarbeit in Österreich, Materialien zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft 11. Wien: Verlag Österreich, 2001. S. 207–226
  • Classen, Albrecht: Frauen als Buchdruckerinnen im deutschen Sprachraum des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Gutenberg-Jahrbuch 2000, Jg. 75. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 2000. S. 181–195
  • Driver, Martha W.: Women Printers and the Page, 1477–1541, in: Gutenberg-Jahrbuch 1998, Jg. 73. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 1998. 139–153
  • Robak, Brigitte: Vom Pianotyp zur Zeilensetzmaschine. Setzmaschinenentwicklung und Geschlechterverhältnis 1840–1900. Marburg: Jonas-Verlag, 1996
  • Geck, E. in: Lexikon des gesamten Buchwesens, 2. Aufl. Bd. 3. Stuttgart: Hiersemann 1991. S. 40 f. s.v. Frauen im Druckgewerbe (Lit.)
  • Hibbard Beech, Beatrice: Women Printers in Paris in the Sixteenth Cantury, in: Medieval Prasopography 10 (1989). S. 75–93
  • Hudak, Leona M.: Early American Women Printers and Publishers, 1639–1820. Metuchen, N.Y.: Scarecrow Press, 1978
  • Linkey, Susan V.: Printers’ Wife in the Age of Humanism, in: Gutenberg-Jahrbuch 1975, Jg. 50. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 1975. S. 331–337
  • Goudy, Frederic W.; Shepard Granniss, Ruth; Carré Phelps, Marie u.a. : Bookmaking on the Distaff Side. New York: Distaff Side, 1937
  • Meiner, Annemarie: Die Frauen im Druckgewerbe, in: Gutenberg-Jahrbuch 1933, Jg. 8. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 1933. S. 333–343
  • Bettmann, Otto: Frauen im Buchgewerbe, in: Archiv für Buchgewerbe 68 (1931). S. 65–71

Bibliophile Kleinode nicht nur für die Tasche

Was kommt heraus, wenn sich versierte Graphiker mit der typographischen Geschichte befassen und sich von vergangenen ›Perlen‹ der Buchgestaltung inspirieren lassen? Schöne Bücher für den schmalen Geldbeutel. So geschehen bei der vom Deutschen Taschenbuch Verlag in Zusammenarbeit mit C.H.Beck 2005 ins Leben gerufenen Taschenbuchreihe ›Kleine Bibliothek der Weltweisheit‹, deren Einbände vom renommierten englischen Gestalter David Pearson entworfen wurden.

Auswahl aus ›Kleine Bibliothek der Weltweisheit. München: dtv und C.H.Beck (2005–)‹
Auswahl aus ›Kleine Bibliothek der Weltweisheit. München: dtv und C.H.Beck (2005–)‹

Pearsons Stil ist wesentlich typographisch, durch die Schrift inspiriert: »It is certainly revivalist, which is another way of saying that I steal from the past. typography is almost always the main ingredient and this, along with a limited colour palette, tends to give my work a unified look.« (Interview im Magazin ›designboom‹ am 21.1.2014: https://www.designboom.com/design/interview-with-graphic-designer-david-pearson-01-21-2014/).

Und so ist Pearson anscheinend auch bei den Umschlägen der dtv-Reihe vorgegangen, die mit mehr oder weniger engen Bezügen zu historischen Schriften und Büchern spielen und diese in eine reizvolle Gestaltung umsetzen: So hat Pearson beim Epikur-Band, dem griechischen Philosophen des 4./3. Jahrhunderts v.Chr., zwar Buchstabenformen griechischer Inschriften aufgegriffen, aber sie gehen mehrheitlich nicht auf solche der hellenistischen Zeit zurück, sondern der Archaik, also des 7. und 6. Jahrhunderts v.Chr. In dem Fall war ihm vermutlich der typographische Reiz der Lettern wichtiger als eine historische Präzision.

Epikur: Philosophie des Glücks, Kleine Bibliothek der Weltweisheit. Bd. 13. München: dtv und C.H.Beck, 2011; Basis der ›Antenorkore‹, Athen, Akropolismus., spätes 6. Jh. v.Chr. und Statuenbasis der Kleiokrateia, Athen, Agoramus., Mitte 4. Jh. v.Chr.
Bildquellen: Payne, H.; Mackworth-Young, G.: Archaic Marble Sculpture From the Acropolis. New and rev. ed. London: The Cresset Press, 1950. Taf. 124,5 (Antenorkore) und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AGMA_Base_Kleiokrateia.jpg (Kleiokrateia-Basis)

Anders bei der Gestaltung des Bandes von Marc Aurels ›Selbstbetrachtungen‹. Bei ihm hat sich Pearson offenbar an ungefähr zeitgenössische Schriften des Kaiserphilosophen orientiert, in dem er die Capitalis Monumentalis öffentlicher Inschriften des 2. Jahrhunderts übernahm, wie z.B. jene der Traians-Säule.

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Inschrift_der_Trajanss%C3%A4ule.jpg

Für den Umschlag des Bandes ›Michel de Montaigne: Von der Freundschaft‹ übernahm Pearson wiederum konkret eine zeitgenössische Vorlage, die mit Montaigne selbst indes wenig zu tun hat: Es handelt sich um den Titel einer deutschen Übersetzung von Ovids Metamorphosen ›P. Ovidii Metamorphosis, Oder: Wunderbarliche vnnd seltzame Beschreibung, von der Menschen, Thiern, vnd anderer Creaturen veränderung, auch von dem Wandeln, Leben und Thaten der Götter, Martis, Venerii und Mercurii, etc‹, gedruckt und verlegt in Frankfurt a.M 1581 von Sigmund Feyerabend.

Bildquelle: https://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087854/image_5

Ein engerer historischer Bezug ist beim Boethius-Band augenfällig: Der römische Gelehrte und Politiker Boethius wirkte vor allem während der Herrschaft des Ostgotenkönigs Theoderich den Großen, also im frühen 6. Jahrhundert. Auf seinem Einband zitiert Pearson treffend die Rundbogen-Arkaden, die jeweils den unteren Rand der Seiten der ›Wulfila-Bibel‹ respektive des Codex Argenteus zieren, der Anfang des 6. Jahrhunderts in Norditalien, möglicherweise in Ravenna für Theoderich, entstanden ist. Zudem sind die Buchstaben des Titels der dort verwendeten ›gotischen Schrift‹ nachgebildet.

Bildquelle: http://www.alvin-portal.org/alvin/imageViewer.jsf?dsId=ATTACHMENT-0015&pid=alvin-record%3A60279&dswid=-3051

Und schließlich lehnt sich Pearson bei der Gestaltung der beiden Nietzsche-Bände – ›Also sprach Zarathustra‹ und ›Ecce Homo‹ – sehr eng an die beiden berühmten Ausgaben an, die Henry van de Velde 1908 für den Insel-Verlag gestaltet hat. Beim ›Ecce Homo‹ diente der Doppeltitel als Vorbild, beim ›Zarathustra‹ der vordere Einbanddeckel.

Nietzsche, Ecce homo
Bildquelle: https://www.lot-tissimo.com/de-de/auction-catalogues/christian-hesse-auktionen/catalogue-id-srchristia10005/lot-167e1e45-ae26-4c55-8d80-a76100dff079
Nietzsche, Also sprach Zarathustra
Bildquelle: Brinks, John Dieter: Denkmal des Geistes. Die Buchkunst Henry Van de Veldes. Laubach: Triton-Verlag, 2007. S. 426 Abb. 179

Soweit einige Beispiele der typographischen Bezüge. Ein weiterer Clou der Umschläge ist aber, dass die Schriften auf den Vorderdeckeln nicht einfach gedruckt wurden, sondern sie sind zweifarbig rot und schwarz vertieft geprägt, was der Handhabung der Bände einen besonderen Reiz verleiht. Insofern ist die Ausstattung schon fast zu edel für ein Taschenbuch, oder, positiv formuliert, sie sind es durchaus wert, auch ins Bücherregal gestellt zu werden.

Hans von Weber und ›das gute Buch‹

Zu den Ausführungen von Hans Peter Willberg (s.u.) passt vorzüglich ein Text von Hans von Weber (1872–1924), einem der eigenwilligsten und künstlerisch ambitioniertesten deutschen Verleger des frühen 20. Jahrhunderts, den er 1913 in seiner Zeitschrift ›Der Zwiebelfisch. Eine kleine Zeitschrift für Geschmack in Büchern und anderen Dingen‹ veröffentlicht hat. Im Unterschied zu seinem ersten bibliophilen und buchkünstlerisch aufwendigen Zeitschriften-Projekt, ›Hyperion‹, war dem ›Zwiebelfisch‹ eine erheblich längere Lebenszeit beschert. Er wurde erst 1934, nach von Webers Tod, eingestellt.

Von Webers kurze Einführung in die ›Faschingsausgabe‹ ist denn auch charakteristisch für den im ›Zwiebelfisch‹ gepflegten Tonfall:

Dieses kleine Vademecum ist genauso unpünktlich wie der ›Zwiebelfisch‹ selbst: ein Faschingsheft, das nach den Fasten erscheint! Aber da an ihm schließlich alles ungehörig ist [was nicht korrekt ist, s.u.], sowohl die Art, wie es die Kollegen seines Verlegers nicht nur, sondern auch diesen selbst behandelt, als auch die Direktionslosigkeit, mit der es die unpassendsten Schriften wild durcheinander anwendet, möge, wie man oft ja gerade die ungezogensten Kinder am liebsten hat, auch ihm in Bausch und Bogen verziehen werden!

Hans von Weber (Hrsg.): Das kleine Zwiebelfisch-Kulturkratzbürsten-Vademecum. München: Hyperionverlag, 1913. S. 4

Beispielhaft für die skizzierte Verfahrensweise im ›Zwiebelfisch‹ ist von Webers spöttischer Beitrag zur Trennung des »Zwillingspaars« Ernst Rowohlt und Kurt Wolff 1912, der mit Karikaturen von Emil Preetorius illustriert ist.

Doch zurück zum ›guten Buch‹: Gleichsam in der Nachfolge von William Morris (s. den Beitrag ›Buchkunstbewegung um 1900‹), stilistisch aber abweichend vom eher humoristischen Tonfall der übrigen Beiträge beschreibt von Weber in dem Text sehr klar die für ihn wesentlichen und erstrebenswerten Merkmale eines ›guten Buches‹ in Bezug auf das Papier, den Druck, den Satz, den Einband und den Buchschmuck. Mit Ausnahme natürlich seiner Bemerkungen zur für den Buchdruck typischen Schattierung, dem durch den Eindruck der Typen in das Papier auf der Rückseite desselben fühlbaren und nicht selten auch sichtbaren Relief oder Prägung, sind seine Bemerkungen grundsätzlich nach wie vor gültig.

Literatur:

  • Schulte Strathaus, Ernst; von Weber, Wolfgang: Hans von Weber und seine Hundertdrucke, in: Sarkowski, H.; Hack, B. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. N.F. 6. Frankfurt a.M.: Gesellschaft der Bibliophilen, 1969. S. 132–133
  • Schauer, Georg Kurt: Die Deutsche Buchkunst. 1890 bis 1960. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 1963. S. 103
  • Bachmair, Heinrich F. S.: Drei Außenseiter: Julius Zeitler, Hans von Weber, Der Tempel-Verlag, in: Buchenau, S.; Bauer, K. F. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. 9. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1940. S. 74–75. 78

Was ist ein Buch?

Das ist das Schöne an Büchregalen: Man lässt den Blick an den Buchrücken entlang schweifen, ohne etwas Bestimmtes zu suchen, und findet dann wieder einen Schatz aus vergangenen Zeiten. So geschehen vor wenigen Tagen, und der Schatz ist diesmal das schöne Buch von Hans Peter Willberg ›Das Buch ist ein sinnliches Ding‹ von 1993 über die Arbeit des Herstellers oder Künstlerischen Leiters am Buch und seine Liebe zum Buch.

Für mich ist es eine der treffendsten, aufschlussreichsten Publikationen zum Thema ›Buch versus Rechner oder Bildschirm‹, vor allem der Abschnitt ›Das Buch ist eine Ware‹:

Das Lied von Herstellungsleitern und Verlegern: ›Ein Buch ist eine Ware wie jede andere, sie folgt den Gesetzen des Marktes. […]‹

Wenn das so ist, wenn das wirklich stimmt – das wäre der Tod des Buches.

Nein, ›das Buch‹ ist nicht eine Ware wie jede andere, es ist eine Ware sui generis. Es hat gegenüber den sogenannten ›neuen Medien‹ Eigenarten, die es unvergleichlich machen. Ich sage nicht ›Vorteile‹, ich sage Eigenarten. Es geht nicht darum, wer überlegen ist, es geht um die Unterschiede. Diese Eigenarten gilt es zu kultivieren, ins Bewußtsein zu bringen.

Hans Peter Willberg: Das Buch ist ein sinnliches Ding. Den Büchermachern in die Schule geplaudert, Quodlibet!. Leck: Clausen & Bosse, 1993. S. 75

Eine bessere Charakterisierung des Buches kenne ich nicht.

Und dann seine wichtige Anmerkung zum Preis eines Buches:

Bücher sind billig, paßt nicht ganz zum Thema, sei aber dennoch angebracht. Was kostet ein Paar Schuhe, was gibt man für ein T-Shirt aus, eine Bluse, gar für die aktuelle Kleidung für den aktuellen Sport? Unsere Lokale sind Abend für Abend voll besetzt. Welches Paar kommt mit einer Rechnung unter 50,– DM heraus? Ein Theaterbesuch, ein Meisterkonzert oder nur die Gebühr fürs Parkhaus: Bücher sind billig!

Ebenda S. 77

Ich bin geneigt zu sagen: Manchmal zu billig, im Vergleich zum Wert manch anderer ›Waren‹.

Lexika während der NS-Zeit

Apropos 20 Jahre Wikipedia (dazu s. etwa die WDR-Dokuentation ›Das Wikipedia Versprechen‹): Das Phänomen, dass von Außen, von staatlicher, politischer oder wirtschaftlicher Seite versucht wurde, auf die inhaltliche Ausrichtung von Lexika Einfluss zu nehmen, ist so alt wie die Publikationsart selbst. Lexika oder Enzyklopädien trugen auch in der Vergangenheit in hohem Maß zur Meinungsbildung bei, weshalb auch früher, vor allem natürlich in Diktaturen, bei den entsprechende Verlagen versucht wurde, das dort vermittelte Geschichts- und Gesellschaftsbild zu beeinflussen. Deutlich wird das zum Beispiel bei den beiden letzten vor dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Lexika-Ausgaben des Brockhaus-Verlags und des Bibliographischen Instituts.

Die Machtübernahme der Nazis 1933 hatte bekanntlich schnell weitreichende Folgen für alle Kultur- und Wirtschaftsbetriebe und damit auch für das Verlagswesen. Innerhalb kürzester Zeit gelang es der NSDAP ein über Jahrhunderte gewachsenes, hoch komplexes und weitgefächertes System unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Partei bestimmte weitgehend, was veröffentlicht werden durfte.

So geschah es eben auch bei den beiden bedeutendsten deutschsprachigen Lexika. Während die Artikel der von 1928 bis 1935 erschienenen 15. Auflage des Großen Brockhaus noch weitgehend sachlich und neutral bleiben – das betrifft auffälligerweise auch jene Lemmata, die in besonderem Maße inhaltlich für die NS-Propaganda relevant waren, etwa über Hitler und andere Nationalsozialisten oder über die NSDAP, Juden oder Konzentrationslager– ist in dem bereits 1935 erschienenen Ergänzungsband jeder dafür gleichsam geeignete Artikel geradezu durchsetzt von Nazi-Ideologie. Hier ist der Einfluss der 1934 geschaffenen ›Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums‹ (PPK) überdeutlich festzustellen. Zum Vergleich seien die Lemmata zu Hitler und Konzentrationslager aus beiden Publikationen gegenübergestellt.

Da die Neuausgaben der Lexika von Brockhaus und Meyer entsprechend einer älteren Absprache abwechselnd im Turnus erschienen, hatte das Bibliographische Institut das Pech, die Neubearbeitung seines Lexikons erst in den 30er Jahren betreiben zu können, so dass die von 1936 bis 1942 erschienene 8. Auflage des ›Meyers‹ maßgeblich durch die Zusammenarbeit mit der PPK geprägt und »inhaltlich aufgrund der Indoktrinierung durch die damaligen nationalsozialistischen Machthaber mit Vorsicht zu genießen ist; bei fast jedem Artikel ist dies eminent & aufgrund dessen wird diese Ausgabe auch als der ›Nazi-Meyer‹ oder der ›Braune Meyer‹ bezeichnet.« (Zitat aus: https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/Meyers-Lexikon-8-Auflage/).

Ausführlich zum Thema:

  • Thomas Keiderling: Der Lexikonverlag, in Fischer, E. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 3: Drittes Reich, Teil 1. Berlin : De Gruyter, 2015. S. 425 ff.
  • ders.: Enzyklopädisten und Lexika im Dienst der Diktatur? Die Verlage F. A. Brockhaus und Bibliographisches Institut („Meyer“) in der NS-Zeit, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Jg. 60. 2012 Heft 1, S. 69–92 (https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2012_1.pdf)
  • ders.: Lexikonarbeit im Nationalsozialismus. Eine vergleichende Untersuchung zu F. A. Brockhaus und dem Bibliographischen Institut, in: Saur, Klaus Gerhard (Hrsg.): Verlage im „Dritten Reich“, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderband 109. Frankfurt a.M. : Klostermann, 2013. S. 79–108.
  • ders. (Hrsg.): F. A. Brockhaus: 1905–2005. Leipzig, Mannheim: F.A. Brockhaus, 2005. S. 145–187 bes. 161–164

Zu ›Meyers Lexikon 8. Auflage (1936–1942)‹: https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/Meyers-Lexikon-8-Auflage/

Zu ›Der Grosse Brockhaus 15. Auflage (1928–1935/1939)‹: https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/Der-Grosse-Brockhaus-15-Auflage/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gro%C3%9Fe_Brockhaus,_15._Auflage

Schönheit in Krisenzeiten

Ein neuer hübscher Fund im Bücherregal, der zeigt, dass ›Kulturverleger‹ (s. auch https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/steinen1912/0005) wie Samuel Fischer auch in Krisenzeiten – der Band wurde 1917 hergestellt – Wert auf eine ansprechende Gestaltung und gute Verarbeitung ihrer Bücher legten. Alleredings wurde im vorliegenden Fall mit etwas zu viel Druck gedruckt, und es musste auf »Papier mit Holzschliffzusatz« zurückgegriffen werden – oder ist das der Grund für die relativ starke Schattierung? –, wobei ihm die angeblich mindere Papierqualität auch nach über 103 Jahren nicht anzusehen ist.

Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Einband
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Vorsatz
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Impressum
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. S. 126 f.

Buchkunstbewegung um 1900

Und wieder ein erfreulicher Zufallsfund, diesmal jedoch im Antiquariat von Friedrich Welz, der seinen Laden leider vor kurzem geschlossen hat: https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-friedrich-welz-schliesst-nach-fast-40-jahren-sein-antiquariat-_arid,583446.html.

In dem 1901 bei Hermann Seemann Nachfolger verlegten Sammelband sind drei sehr lesenswerte Beiträge in deutscher Übersetzung abgedruckt, die William Morris, Emery Walker, Thomas James Cobden-Sanderson und Reginald Blomfield 1893 zu den Themen ›Printing‹, ›Bookbinding‹ und ›Of Book Illustration and Book Decoration‹ in den Arts and Crafts Essays veröffentlicht hatten.

Das zeigt – wie z.B. auch die von Peter Jessen organisierten Ausstellungen in Berlin –, dass die Reformideen des Arts and Crafts Movement und die damit verbundenen Bemühungen von Morris, Walker und Cobden-Sanderson um eine Erneuerung der Buchkunst in Deutschland erst mit einer gewissen Verzögerung rezipiert wurden.

Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. Titel
Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. S. 1

Götter, Gräber und Gelehrte

Heute im öffentlichen Bücherregal gefunden: eine sehr gut erhaltene Ausgabe aus dem Jahr 1957 von C. W. Cerams (alias Kurt Wilhelm Marek) erstmals 1949 erschienenen Klassiker ›Götter, Gräber und Gelehrte‹. Für mich ist es immer noch eines der am besten lesbaren nicht-wissenschaftlichen Bücher zum Thema ›Archäologie‹, vor allem wenn man bedenkt, unter welchen Umständen Marek das Buch wenige Jahre nach Kriegsende geschrieben hat.

Allein das Vorwort ist lesenswert. So heißt es etwas kokett oder doch sehr ehrlich bereits auf den ersten beiden Seiten:

»Ich rate dem Leser, das Buch nicht auf der ersten Seite zu beginnen. Ich tue das deshalb, weil ich weiß, wie wenig die überzeugteste Versicherung des Autors verfängt, daß er einen außerordentlich interessanten Stoff vorzutragen habe, wie wenig besonders dann, wenn der Titel einen Roman der Archäologie verspricht, der Altertumskunde, von der jedermann überzeugt ist, daß sie eine der trockensten und langweiligsten Wissenschaften sei.

[…]

Unser Buch ist ohne wissenschaftliche Ambitionen geschrieben. Vielmehr wurde nur versucht, eine bestimmte Wissenschaft derart zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, daß die Arbeit der Forscher und Gelehrten vor allem in ihrer inneren Spannung, ihrer dramatischen Verknüpfung, ihrem menschlichen Gebundensein sichtbar wurde. Dabei durfte die Abschweifung nicht gescheut werden, ebensowenig wie die persönliche Reflexion und die Herstellung aktueller Bezogenheit. Dadurch ist ein Buch entstanden, das der Wissenschaftler ›unwissenschaftlich‹ nennen muß.

Ich habe dafür nur eine Entschuldigung, daß dies genau in meiner Absicht lag. Denn ich fand, daß diese reiche Wissenschaft, in deren Taten sich Abenteuer und Stubenfleiß, romantischer Aufbruch und geistige Selbstbescheidung paarten, in der die Tiefe aller Zeiten und die Weite globalen Raumes ausgeschritten wurde, in Fachpublikationen begraben worden war. Wie hoch auch immer der wissenschaftliche Wert dieser Publikationen war – sie waren keineswegs dazu geschrieben, ›gelesen‹ zu werden. […]

Trotz der jeder reinen Deskription abholden Methode, die mir hier die Feder führte, bin ich in höchstem Grade der reinen archäologischen Wissenschaft verpflichtet. Wie könnte es anders sein – das Buch ist ein Loblied auf ihre Ergebnisse, ihren Scharfsinn, ihre Unermüdlichkeit; auf die Forscher selbst vor allem, die meist nur aus echter Bescheidenheit verschwiegen, was – weil es des Nacheiferns wert ist – der Verkündung bedarf. […]. Der ›Roman der Archäologie‹ ist ein Roman im barocken Sinn, insofern er im ältesten Sinn romantische (der Realität durchaus nicht widersprechende) Ereignisse und Lebensläufe erzählt.

Aber er ist ein ›Tatsachenroman‹, und das will im vorliegenden Fall im allerstrengsten Sinne heißen: Alles, was hier erzählt wird, ist nicht etwa nur an Tatsachen geknüpft (und von der Phantasie des Autors ausgeschmückt), sondern ist im einwandfreiesten Sinn allein aus Tatsachen zusammengefügt (zu denen die Phantasie des Autors auch nicht das kleinste Ornament hinzufügte, sofern dies Ornament nicht ebenfalls von der Zeitgeschichte geliefert wurde).Dennoch bin ich überzeugt, daß der Fachwissenschaftler, der dies Buch in die Hand bekommt, Fehler in ihm entdecken wird. […]«

Das Buch und seine bis 1957 über 500.000 verkauften Exemplare haben nicht unwesentlich zur Wiederbelebung des Verlags nach dem Krieg beigetragen. Zur wirklich erstaunlichen Entstehungs- und Erfolgsgeschichte des Buches sowie zu Kurt W. Marek gibt es einen aufschlussreichen Beitrag in der 2008 erschinenen Chronik des Verlags: Gieselbusch, Hermann; Moldenhauer, Dirk; Naumann, Uwe; Töteberg, Michael: 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. S. 159–165. Der Untertitel des Kapitels ist eindeutig: ›Ein Lektor schreibt einen Bestseller und saniert den Verlag‹Geschichte des Buches; s. auch https://www.fr.de/kultur/literatur/wieder-11561241.html

Das waren noch Zeiten

Das waren noch Zeiten, als auch bei wissenschaftlichen Publikationen auf eine ansprechende Gestaltung, Typographie Wert gelegt wurde: Hier eine Graphik – der stratigraphische Aufriss nach der 1904 vorgenommenen Untersuchung im Westhof des Palastes von Knossos auf Kreta – aus dem auch inhaltlich noch lesenswerten Klassiker von Arthur Evans ›The Palace of Minos‹ (1921–1936), hier S. 33 von Band 1 von 1921.

Alle sechs Bände von Evans’ ›Palace of Minos‹ sind übrigens in der ›Digitalen Bibliothek‹ der UB Heidelberg einzusehen: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921ga

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921bd1/0058

Neues Handschriftenportal

Hochinteressant: Seit zwei Jahren arbeiten die Staatsbibliothek Berlin, die UB Leipzig, die Bayrische Staatsbibliothek München und die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel an der Realisierung eines Handschriftenportals, das »als zentrale Plattform für Erschließungs- und Bilddaten zu Buchhandschriften aus deutschen Sammlungen« fungieren soll. Das Projekt wird von der DFG gefördert und soll »Ende 2021/Anfang 2022 das Handschriftenportal Manuscripta Mediaevalia ablösen«. »Damit wird ein multifunktionales Find- und Arbeitsinstrument für die Recherche von und die Arbeit mit beschreibenden Informationen und Digitalisaten zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Buchhandschriften bereitstehen.« Aktuell gibt es die Möglichkeit, die Testumgebung auszuprobieren und den betreffenden Institutionen Erfahrungen mitzuteilen.