tippa-top Gestaltung

Die rundlichen Formen und elegante Gestalung der zweifarbigen Schreibmaschine Adler Tippa aus den frühen 1960er Jahren sind an sich schon reizvoll. Sie ist trotz ihres Kunstoffgehäuses, das beim ersten Eindruck, wohl absichtlich, an ein Metallgehäuse erinnert, ihres geringen Gewichts und ihrer flachen, leichten Bauweise recht robust, und es lässt sich mit ihr angenehm leicht schreiben.

Adler Tippa
Reiseschreibmaschine Adler Tippa, frühe 1960er Jahre

Besonders charmant ist aber auch die Gestaltung der Bedienungsanleitung: Zum einen wegen der Schriftwahl: Für den Text wurde die Neuzeit-Grotesk von Wilhelm Pischner gewählt, die 1932 von der Stempel AG herausgegeben wurde, und für die Auszeichnungen die Quick von Howard A. Trafton, die 1933 von der Bauerschen Gießerei vertrieben wurde. Die Gegensätze erzielen Aufmerksamkeit, ohne zu schmerzen. Im Gegenteil, beide Schriften erfüllen ihre jeweilige Aufgabe – Information auf der einen Seite, Auflockerung, Unterhaltung auf der anderen Seite – sehr gut.

Zum anderen besticht die Anleitung durch ihre gefälligen, leicht verständlichen, zum Teil auch humorvollen Formulierungen und durch die schlichten Zeichnungen des Pagen oder Liftboys, der den Benutzer gleichsam optisch an die Hand nimmt.

Bedienungsanleitung der Adler Tippa (frühe 1960er Jahre), S. 4–5
Bedienungsanleitung der Adler Tippa (frühe 1960er Jahre), S. 4–5

Adler respektive Triumph-Adler, wie die Firma seit 1958 hieß, war es offenbar sehr daran gelegen, das der Kunde sich direkt angesprochen und damit in gewisser Weise auch wertgeschätz fühlt, was auch heute noch ausgezeichnet gelingt.

Vom Spieß zum Buch

Bücher werden in der Regel als fertiges, makelloses Produkt wahrgenommen, das keine Spuren seines Fertigungsprozesses aufweist oder aufweisen soll. Nur ein sichtbarer Fehler kann auf seine Genese und diese ›Vergangenheit‹ hinweisen. Im Falle der heutigen, im Desktop-Publishing und Offset-Verfahren erstellten Bücher finden die einzelnen Fertigungsschritte, der Satz, der Druck und die Bindung, auch für die Beteiligten jedoch meist im Verborgenen statt, im Rechner, in der abgeschirmten Druckmaschine oder auf der Fertigungsstraße der Buchbinderei. Anders sieht es hingegen bei Büchern aus, die im Bleisatz und Buchdruck gefertigt wurden. Hier gibt es keine Blackbox, die einzelnen Fertigungsschritte sind für Setzer und Drucker einsehbar, hörbar und fühlbar, sinnlich erfahrbar. Und im fertigen Buch sichtbare Fehler rufen diese Arbeitsschritte geradezu unvermittelt während der Lektüre, bei der man an den Text denkt und nicht an die Fertigung seines Trägers, in Erinnerung, führen dem Leser die ›individuelle Biographie‹ des Buches vor Augen und werfen es in seine ›Kindheit‹ zurück. Voraussetzung ist natürlich, dass der Leser den Fehler erkennt und die Spur lesen kann.

Solche Spuren der Vergangenheit eines Buches wirken umso intensiver, weil unerwartet, je makelloser es aufgrund des hohen Qualitätsanspruches des Verlages sein soll. Ein Beispiel ist hier der Band ›Griechische Märchen‹ aus der berühmten, ursprünglich von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe ›Die Andere Bibliothek‹, der 1987 erschienen ist und von Franz Greno gestaltet sowie in seiner Werkstatt gesetzt und gedruckt wurde. Auf Seite 280 ist am Ende der Überschriftzeile ein schwarzer Fleck mit rechteckigem Umriss zu erkennen, bei dem es sich um den Abdruck eines Ausschlussstückes, vielleicht eines Viertelgevierts handelt, ein sogenannter Spieß.

Ausschluss- oder Blindmaterial soll den Raum einer Zeile füllen, der nicht mit Text gefüllt ist, und folglich nicht mitgedruckt werden (daher ›blind‹).

Während des Druckens ist ein Stück offenbar hochgerutscht, wurde eingefärbt und dann doch mitgedruckt. Das kann verschiedene Gründe haben, aber hier war entweder der Setzer verantwortlich, der die Zeile zu fest ausgeschlossen hat, wodurch sie unter zu viel Spannung stand, oder der Drucker hat die Form vor dem Einheben in die Maschine nicht richtig geschlossen. Jedenfalls scheint der Fehler dem üblicherweise sonst strengen Blick von Grenos Mitarbeitern entgangen zu sein. Im Auge des Druckers ist der Spieß natürlich ein Fehler, für den Leser aber letztlich ein außergewöhnlicher, wenn auch unfreiwilliger Hinweis auf den aufwendigen Fertigungsprozess der Bücher dieser Reihe, die noch bis 1996 im Bleisatz und Buchdruck hergestellt wurden, der es gleichsam auch materiell nahbar macht.

Literatur

  • Haefs, Wilhelm; Schmitz, Rainer: Die Chronik der Anderen Bibliothek. Bände No. 1–400. Berlin : Die Andere Bibliothek, 2018
  • Boehncke, Heiner; Sarkowicz, Hans: Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten. Die Geschichte der Anderen Bibliothek in Gesprächen, Kometen der Anderen Bibliothek. Berlin: AB – Die Andere Bibliothek, 2014
  • Wörgötter, Michael; Schnotale, Heike: Bleisatz. Ein Werkstattbuch. Bonn: Rheinwerk Verlag, 2022 (erscheint voraussichtlich im November)
  • Bauer, Friedrich: Anfangsgründe für Schriftsetzer.Kleine Fachkunde. 12., neu bearb. Aufl. Frankfurt a.M. : Polygraph, 1967
  • Davidshofer, Leo; Zerbe, Walter: Satztechnik und Gestaltung. Schweizerisches Fach- und Lehrbuch für Schriftsetzer. 3. Aufl. Zürich: Bildungsverband Schweizer. Buchdrucker, 1954

Über das Lesen – und die Queen

Bennett, Alan: Die souveräne Leserin, Salto. Bd. 155. 18. Aufl. Berlin: Wagenbach, 2016

Bekanntlich finden sich in öffentlichen Bücherschränken allerlei mehr oder weniger bemerkenswerte Bücher. Aber dieser schmale Band mit einer fiktiven Geschichte des englischen Schriftstellers Alan Bennett über die Leseerfahrungen der Queen mit abschließender überraschender Wendung, über die man gerade in diesen und vergangenen Tagen des öfteren öffentlich diskutiert, war es allemal wert mitgenommen und gelesen zu werden, nicht zuletzt natürlich weil er in der vorzüglichen Reihe SALTO des Verlags Klaus Wagenbach erschienen ist (hier in der 18. Auflage!). Bei dessen Anblick stellte sich natürlich unvermittelt die Frage, warum jemand diesen Band überhaupt abgeben wollte.

Es ist eine entzückende Geschichte, durch die man zwar auch auf sehr amüsante und zugleich nachdenkliche Weise etwas mit der Queen in Kontakt zu kommen meint, aber die vor allem vom ›Zauber‹ des Lesens handelt. Bereits auf den ersten Seiten lässt Bennett die Queen folgende treffliche Erkenntnis über das Lesen aussprechen:

»Aber Informieren ist nicht gleich Lesen. Es ist im Grunde sogar das Gegenteil des Lesens. Information ist kurz, bündig und sachlich. Lesen ist ungeordnet, diskursiv und eine ständige Einladung. Information schließt ein Thema ab, Lesen öffnet es.«


Bennett, Alan: Die souveräne Leserin, Salto. Bd. 155. 18. Aufl. Berlin: Wagenbach, 2016. S. 22

Und heißt es nicht, wir lebten aktuell im ›Informationszeitalter‹? Bedauernswert und ein Grund mehr, schöne und gute Bücher zu lesen, was das Zeug hält.

Schneidler und Diederichs

Eine schöne Überraschung gab es vor einigen Tagen, als mir eine freundliche Nachbarin neben diversen Büchern auch drei Bände des Eugen Diederichs Verlag mit Illustrationen von F. H. Ernst Schneidler schenkte:

Kungfutse: Gespräche (Lun Yü), Die Religion und Philosophie Chinas. Bd. 1. Jena: Diederichs Verlag, 1910

Liä Dsi: Das wahre Buch vom quellenden Urgrund (Tschung Hü Dschen Ging). Die Lehren der Philosophen Liä Yü Kou und Yang Dschu, Die Religion und Philosophie Chinas. Bd. 8,1. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1911

Mengzi: Mong Dsi (Mong Ko), Die Religion und Philosophie Chinas. Bd. 4. 2. Aufl. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1921

Beide – Diederichs und Schneidler – haben zwischen 1909 und 1924 zahlreiche Buchprojekte miteinander realisiert und gehörten zu den wichtigsten Protagonisten der Buchkunstbewegung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wurden auch in der Ausstellung der Heidelberger Universitätsbibliothek 2018/19 ausführlich vorgestellt.

Der Verleger Eugen Diederichs (1867–1930) gilt als Wegbereiter der neuen Buchkunst in Deutschland und wird in der 1912 erschienenen Heidelberger Dissertation von Helmut von Steinen als »der Prototyp des modernen deutschen Kulturverlegers« bezeichnet. Beeinflusst von den Ideen William Morris’ setzte er von Beginn an seine Vorstellungen von einer hochwertigen Ausstattung insbesondere des ›Gebrauchsbuchs‹ durch. Die Gestaltung des Einbands und des Textes, der Buchschmuck und die Papierwahl mussten aufeinander abgestimmt werden und dem Inhalt des Buches entsprechen. Besondere Aufmerksamkeit widmete Diederichs bei seinen Büchern dem Innentitel, während der Textteil meist keinerlei Schmuck aufweist, wie es auch bei den hier vorgestellten Bänden der Fall ist.

Das folgende Zitat aus einem Beitrag des Bibliothekars und Buchwissenschaftlers Jean respektive Hans Loubier zur ›neuen Buchkunst‹ von 1910 umreißt die Bedeutung Diederichs recht präzise:

»Wenn wir nach den Verlegern fragen, die zuerst auf eine zeitgemäße künstlerische Durchbildung ihrer Verlagswerke in Druck, Satz, Buchschmuck und Einband Gewicht legten, so müssen wir dankbar als ersten, als Bahnbrecher Eugen Diederichs nennen, der damals, 1896, seinen Verlag begründete. Diederichs ist bis heute unablässig bemüht gewesen, jedem Buche seines Verlags eine seinem Inhalt entsprechende, ich möchte sagen individuelle Ausstattung zu geben. Mit liebevoller Sorgfalt wählte er, fast für jedes Buch anders, das Druckpapier, die Type, die Satzanordnung, den Zierat, Vorsatz und Einband, in allen kleinsten Einzelheiten, z. B. im Titelsatz, in der Anordnung der Seitenzahlen und Kopftitel, der Druckvermerke, suchte er etwas Neues, Originelles zu geben. Er hat, lebhaften und beweglichen Geistes, viel experimentiert, aber sein feiner Geschmack, sein buchästhetisches Gefühl bewahrten ihn davor, im Neuen etwa absurd zu werden. Und seine mancherlei Experimente haben anderen Verlegern und auch Künstlern viele Anregungen gegeben. Er hat, was ihm nicht hoch genug angerechnet werden kann, und womit er mutig vorangegangen ist, von Anfang an junge Künstler herangezogen, wie Cissarz, Fidus, Vogeler, Lechter, Behrens, E. R. Weiß, Ehmcke und manche andere, und ihnen nicht nur den bildlichen und ornamentalen Schmuck, sondern die ganze Druckeinrichtung übertragen. Ebenso wie er neue Künstler an die Bucharbeit heranzog, hat er nicht nur den bewährten, durch künstlerische Arbeit bekannten Druckereien wie Drugulin, Holten, Breitkopf & Härtel Druckaufträge gegeben, sondern er fand auch von den noch weniger bekannten Offizinen diejenigen heraus, die mit ihm neue Wege gehen wollten, wie Poeschel & Trepte, die Steglitzer Werkstatt, und wußte wieder andere, z.B. die Spamersche Druckerei, durch seine Aufträge überhaupt erst zu geschmackvoller Arbeit anzuregen.«


Loubier, Jean [Hans]: Die neue Buchkunst, in: Volkmann, Ludwig (Hrsg.): Die graphischen Künste der Gegenwart. Das moderne Buch. Stuttgart: Felix Krais Verlag, 1910. S. 276

Um jeden Text aus der ihm gemäßen Schrift zu setzen, wählte Diederichs auch aktuelle, von jungen Malern und Graphikern wie Otto Eckmann, Fritz Helmuth Ehmcke oder Walter Tiemann geschaffene Schriften. Für die hier gezeigten Bände kam anscheinend eine Schrift des 1873 geborenen Richard Grimm-Sachsenberg zum Einsatz, die vermutlich 1908 von der Schriftgießerei Julius Klinkhardt veröffentlichte Schrift ›Neue Römische Antiqua‹.

Gerade in der überaus produktiven Phase des Verlags vor dem Ersten Weltkrieg war Schneidler einer der kreativsten deutschen Buchgestalter. Nach seinem Studium von 1904 bis 1905 bei Peter Behrens und Ehmcke an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf arbeitete er bis 1924 für Diederichs und gab vor allem einigen Reihen des Verlags, die Diederichs besonders am Herz lagen, ihr typisches Gepräge. So etwa den ersten Bänden der 1912 eröffneten und beinahe 100 Jahre lang erschienenen Reihe ›Märchen der Weltliteratur‹ und eben ›Die Religion und Philosophie Chinas‹, in der chinesische Klassiker, unter anderem von Laotse, Konfuzius, Zhuangzi und das I Ging, die der Stuttgarter Sinologe und Theologe Richard Wilhelm erstmals ins Deutsche übersetzt hatte, in sechs Bänden veröffentlicht wurden. Insgesamt gestaltete Schneidler für Diederichs 29 Titel, wobei er entweder die gesamte Ausstattung eines Buches übernahm oder, wie bei den vorliegenden Bänden, auch nur den Einbandes oder die Doppeltitel zeichnete. Letztere tragen zudem auch das 1910 von Schneidler gestaltete Löwen-Signet des Verlags (es bezieht sich auf den ›Marzocco‹ des Donatello in Florenz). Seine intensive Auseinandersetzung mit chinesischer Literatur, Philosophie und Kalligraphie wird ihn zusätzlich für die Aufträge qualifiziert haben.

Kungfutse: Gespräche (Lun Yü), Die Religion und Philosophie Chinas. Bd. 1. Jena: Diederichs, 1910

Literatur

Schatzkästlein der Schriften – Schriftproben der Offizin Haag-Drugulin

Schriftproben dienten jahrhundertelang Schriftgießereien und Druckereien zur Vermarktung ihres jeweiligen Angebots an Schriften, Zeichen und Zierelementen. Der Umfang der oft aufwendig gestalteten und hergestellten Drucke reichte von nur wenigen Blättern für einzelne Schriften bis hin zu mehrere hundert Seiten umfassenden Musterbüchern für das komplette Sortiment. Die frühesten Musterblätter sind bereits von Inkunabeldruckern bekannt, also seit dem späten 15. Jh. Berühmt ist beispielsweise der Druck von Erhardt Ratdoldt.

Faksimile der Schriftprobe des Erhard Ratdoldt, Venedig/Augsburg 1486, in: Mori, Gustav: Das Schriftgießereigewerbe in Süddeutschland und den angrenzenden Ländern, Bertholddruck. Stuttgart: Schriftgießerei Bauer & Co, 1924. Taf. 1

In großem Stil wurden Schriftproben allerdings erst mit der industriellen Fertigung von Schriftlettern seit der Mitte des 19. Jahrhunderts produziert, wobei oftmals nicht nur die Schriften in den verfügbaren Graden und Schnitten gezeigt wurden, sondern auch deren verschiedene Anwendungsmöglichkeiten etwa für die Reklameanzeige, die Visitenkarte oder als Mengentext. Mit der Verlagerung des Vertriebs und der Vermarktung von Schriften ins Internet ist auch die traditionelle, gedruckte Form der Schriftwerbung mittlerweile gleichsam ausgestorben.

Von den um 1900 besonders angesehenen Druckereien in Deutschland, wie Poeschel & Trepte und Drugulin in Leipzig sowie Otto von Holten in Berlin, war es die Offizin Drugulin, welche die Form der Schriftprobe in besonderem Maße zur Werbung nutzte – die erste Probe wurde bereits 1835 veröffentlicht. Der Betrieb geht auf die 1829 von Friedrich Nies gegründete Buchdruckerei zurück, die sich schon früh auf die Herstellung von Typen für den Fremdsprachensatz spezialisiert hatte und seit 1831 über eine eigene Schriftgießerei verfügte. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten wurde die Druckerei 1856 an Carl Berendt Lorck verkauft, der sie zunächst neu organisierte, infolge dessen ihren Ruf als Spezialdruckerei für orientalische Schriften wieder herstellte und sie schließlich doch 1868 an Wilhelm Eduard Drugulin verkaufte. Noch im selben Jahr erwarb dieser, vermutlich noch mit Unterstützung von Lorck, die Stempel und Matrizen der Carl Tauchnitz’schen Gießerei von der Firma Metzger & Wittig, deren Typen für orientalische Schriften internationale Anerkennung genossen. Damit hatte Drugulin einen »Komplex geschaffen, wie er ausser in den Staatsanstalten zu Wien und Paris sich nicht wieder vorfindet« (Lorck 1882, S. 339), nach Karl Faulmann »16.000 Stahlstempel und 56.000 Matritzen« (Illustrirte Geschichte der Buchdruckerkunst mit besonderer Berücksichtigung ihrer technischen Entwicklung bis zur Gegenwart. Wien: Hartlebens, 1882. S. 730).

Nach dem Tod Drugulins 1879 wurden Druckerei und Schriftgießerei zunächst von seiner Witwe Elisabeth Drugulin weitergeführt, die 1880 Egbert Johannes Baensch, ihren späteren Schwiegersohn (später Baensch-Drugulin), der selbst ausgebildeter Buchdrucker und Schriftgießer war, zunächst als Geschäftsführer und 1882 als Teilhaber aufnahm. Von 1901 an war er schließlich Alleininhaber der Offizin. Mit ihrem reichen Fundus an nicht-lateinischen, orientalischen Schriften und der eigenen Schriftgießerei verfügte Drugulin bereits Ende des 19. Jahrhunderts über ein, wie man es heute vielleicht formulieren würde, ›Unique Selling Product‹, dass sie auch intensiv auf verschiedenen Wegen bewarb. So legte die Offizin beim 8. Internationalen Orientalisten-Kongresses, der 1889 in Stockholm und Oslo stattfand, einen speziell den Teilnehmern gewidmeten Kalender vor, in dem kurze Textstellen in verschiedenen ›orientalischen‹ bzw. asiatischen Sprachen, jeweils mit deutscher Übersetzung, abgedruckt waren. Außerdem zeigte man die Vielseitigkeit der verfügbaren Typen auch etwa durch Beilagen in Fachzeitschriften oder Sammelpublikationen, wie etwa in dem opulenten, 1895 von Theodor Goebel im Stuttgarter Krais Verlag herausgegebenen Band ›Die graphischen Künste der Gegenwart. Ein Führer durch das Buchgewerbe‹. Damals verfügte die Offizin nach eigenen Angaben über

ein[en] Reichtum an Schriften, wie er ähnlich nur in wenigen Offizinen zu finden sein dürfte. Derselbe besteht zur Zeit aus 231 Orientalischen, 246 Fractur- und 417 Antiqua-, in Summa 894 verschiedenen Schriften, und wird durch fortwährende Anschaffungen und hauptsächlich eigenes Schneidenlassen fremdländischer Typen von Jahr zu Jahr bedeutend vermehrt.

Beilage in: Goebel, Theodor: Die graphischen Künste der Gegenwart. Ein Führer durch das Buchgewerbe. Stuttgart: Felix Krais Verlag, 1895

Beilage der Offizin W Drugulin in: Goebel, Theodor: Die graphischen Künste der Gegenwart. Ein Führer durch das Buchgewerbe. Stuttgart: Felix Krais Verlag, 1895 (https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/goebel1895/0081)
Beilage der Offizin W Drugulin in: Goebel, Theodor: Die graphischen Künste der Gegenwart. Ein Führer durch das Buchgewerbe. Stuttgart: Felix Krais Verlag, 1895 (https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/goebel1895/0081)

Die spektakulärste Werbung für diese überaus reichhaltige Sammlung und wohl einer der prächtigsten Drucke der Offizin überhaupt sind die von Ludwig Sütterlin gestalteten ›Marksteine aus der Weltliteratur in Originalschriften‹, die 1902 zur Erinnerung an den 500-jährigen Geburtstag Gutenbergs erschienen, um, so Baensch-Drugulin im Vorwort, »ein Schatzkästlein der Lebensweisheit der Völker zu schaffen« und »zu zeigen, was eine einzelne Druckerei im Beginne des neuen Jahrhunderts zu leisten vermöge«. Auf über 200 Seiten werden 34 zentrale Schriften verschiedener Kulturbereiche, z.B. Koran-Suren, äthiopische Literatur, Texte von Goethe, Dante, Skakespear, Victor Hugo, Platon und Konfuzius, armenische, uigurische, kyrillische und koptische Texte, die hinduistische Bhagavad Gita, rabbinische Spruchweisheiten sowie Passagen aus dem malaiischen Moralbuch und dem japanischen ›Kopfkissenbuch‹ der Dame Sei Shōnagon, in ihren jeweiligen Schriften oder Sprachen und in einer der jeweiligen Kultur angemessenen Gestaltung präsentiert, mit wissenschaftlichen Kommentaren und z.T. mit Übersetzungen.

Ein Clou des Buches ist, dass der erste Teil Texte enthält, die linksläufig geschrieben werden, z.B. jene in lateinischer und griechischer Schrift, und ab der Mitte das Buch gleichsam von hinten zu lesen ist, da nun rechtsläufig geschriebene Texte folgen, etwa in arabischer oder hebräischer Schrift. Angesichts des enormen Aufwands und überaus aufmerksamen Gestaltung ist es nur folgerichtig, wenn Rudolf Kautzsch, damals Direktor des Deutschen Buchgewerbemuseums zu Leipzig, das Buch in seiner Besprechung von 1902 als »ein echtes Kunstwerk« bezeichnet und zu dem Schluss kommt:

Wie die Sammlung rückschauend die Bedeutung der Offizin auf dem Gebiete des fremdsprachlichen Drucks zeigt, so stellt sie sich vorschauend zugleich unter die Vorkämpfer der neuen buchgewerblichen Bewegung: Die Marksteine sind zugleich ein Markstein unserer deutschen Buchdruckerkunst um die Jahrhundertwende.

Rudolf Kautzsch: Marksteine der Weltliteratur, in: Archiv für Buchgewerbe, Bd. 39. 1902. S. 484

Die ›große Zeit‹ der Offizin waren sicher die Jahre des frühen 20. Jahrhunderts, die damalige Buchkunstbewegung wäre ohne Drugulin nicht denkbar: Die Offizin druckte die Zeitschriften ›Pan‹ und ›Die Insel‹ und arbeitete für typographisch anspruchsvolle Verlage wie den Insel-Verlag, Eugen Diederichs und Hans von Weber. 1910 begann Ernst Rowohlt mit der Herausgabe der ›Drugulin-Drucke‹, um klassische Texte in hochwertiger Ausstattung und sorgfältigem Druck preiswert auf den Markt zu bringen. Die Bücher wurden, wie der Name sagt, von Drugulin aus eigenen Schriften gesetzt und zweifarbig gedruckt.

Die wirtschaftlichen Krisenjahre nach dem Ersten Weltkrieg haben allerdings auch die Offizin erfasst, zumal im Krieg die Geschäftsverbindungen mit dem Ausland abgerissen waren. 1919 übernahm zunächst die D. Stempel AG mit Anteilen der GmbH auch die Stempel- und Matrizenschätze. Dennoch warb die Druckerei auch in dieser schweren Zeit für ihre besonderen Qualititäten. So richtete sie sich beispielsweise, ähnlich wie 1889, diesmal jedoch anlässlich des 1. Deutschen Orientalistentages, der 1921 in Leipzig abgehalten wurde, mit einer Broschüre, in der Sprüche in 16 verschiedenen Sprachen respektive Schriften gedruckt sind, direkt an die Teilnehmer der Tagung, um so gleichsam direkt beim Kunden auf ihre besondere Kompetenz im fremdsprachigen, nichtlateinischen Satz und Druck aufmerksam zu machen.

Neben den wirtschaftlichen Schwierigkeiten gab es anscheinend auch technische, denn die Offizin war anscheinend nicht in der Lage, eine vollständige Probe aller ihrer Schriften herzustellen. Das jedenfalls ist im Nachwort zu einem der schmalsten, aber umso feineren Musterbüchlein der Offizin zu lesen, das 1924 »in einer einmaligen Ausgabe von fünfhundert Exemplaren auf echt handgeschöpft Werkdruck 302 der Papierfabrik J. W. Zanders Bergisch-Gladbach gedruckt« wurde. Die Probe, in Leder gebunden und mit goldgeprägten Deckelfileten verziert, umfasst nur 30 Seite, auf denen neben 15 gebrochenen Schriften auch elf nicht-lateinische Schriften respektive Schnitte dersselben (u.a. Chinesisch, Tibetisch, Hebräisch und Äthiopisch) präsentiert werden. Laut dem Nachwort soll mit dem ersten Heft »eine freie Reihe von Veröffentlichungen begonnen [werden], die allmählich sämtliche Hausschriften der Offizin und ebenso auch deren Neuschnitte zur Anschauung bringen wird«. Ob jedoch weitere ›Hefte‹ folgten, ist mir nicht bekannt.

Eine Gesamtprobe konnte schließlich 1929 erstellt werden, nachdem im selben Jahr der Zusammenschluss mit der Druckerei F. E. Haag, die von Melle nach Leipzig übersiedelt war, vollzogen wurde, wodurch die ›Offizin Haag-Drugulin AG‹ entstand. Die damit verbundene »wesentliche Erweiterung« des Schriftenbestandes wird auch in der Schriftprobe deutlich. Auf über 300 Seiten werden mehr als 200 verschiedene Schriften und Schriftschnitte präsentiert, unter denen die nicht-lateinischen Schriften nach wie vor einen erheblichen Teil ausmachen.

Das Ergebnis dieser Fusion in Bezug auf den Schriftbestand war mit der Probe aber noch nicht abschließend dokumentiert. Bereits ein Jahr später wurde ein Nachtrag notwendig, dessen Geleitwort die Änderungen erläutert:

[…] Eine starke Ergänzung hat vor allem unsere Typographabteilung erfahren. Außer den in diesem Nachtrag neu bemusterten Typen sind auch die im ersten Musterbuch enthaltenen Typograph-Schriftsätze nun fast alle in mehrfacher Anzahl vorhanden. Dadurch sind wir in der Lage, eilige Satzaufträge auch in unsrer Typographabteilung auf mehreren Setzmaschinen gleichzeitig in Angriff zu nehmen und in allerkürzester Frist fertigzustellen. Dieser Umstand hatte in Melle nicht wenig dazu beigetragen, den Ruf der einzigartigen Leistungsfähigkeit des dortigen Typographbetriebs zu begründen, und wir freuen uns, daß wir nun auch in unsrer Leipziger Typographabteilung unsere alten und neuen Kunden in gleich vorteilhafter Weise bedienen können. Selbstverständlich wurde inzwischen aber auch die von uns besonders gepflegte Monotypeabteilung nicht vergessen und ihre reichhaltige Ausrüstung noch durch manche wertvolle Schrift bereichert und~ ausgebaut, wobei wir besonders auf künstlerisch wertvolle Schriftschnitte unser Augenmerk richteten.

Auch in der Akzidenzabteilung wurden außer den von Melle übernommenen Schriften Verschiedenes neu angeschafft. Einige alte Bestände alte Bestände aus dem Drugulinschen Magazin wurden geordnet und gebrauchsfähig gemacht, soweit es sich um künstlerisch wertvolles Material handelte, welches zeitlose Geltung hat.

Geleitwort in: Nachtrag zur Schriftprobe der Offizin Haag-Drugulin AG. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1930. S. 9–11

Aber auch diese Fusion führte nicht zum gewünschten wirtschaftlichen Erfolg. Erst mit der Übernahme 1930 durch den größten deutschen Buchkommisionär, die Koehler & Volckmar AG, und unter der Leitung von Ernst H. Kellner, einem Schüler Rudolf Kochs und Gründer der Drugulin-Presse (gegr. 1937), einer im Zusammenhang mit der Offizin gepflegten Lehrwerkstatt und Werkstatt für Handpressendrucke, konnte an die herausragenden Leistungen vor dem Ersten Weltkrieg angeknüpft werden. Es ist daher bezeichnend, dass in dem Vorwort des 1933 erschienenen 2. Nachtrags zur Probe von 1929 wieder die buchkünstlerischen Leistungen der Offizin hervorgehoben werden:

Unsere Offizin dankt ihren Ruf als Qualitätsdruckerei nicht zuletzt ihren wertvollen Schriftbeständen, durch deren verständnisvolle Anwendung die ihr übertragenen Drucharbeiten so gestaltet werden, daß sie sich stets von anderen Erzeugnissen abheben. Die buchkünstlerische Kultur unserer Druckarbeiten kommt vielleicht auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß bei der Auswahl der 50 besten Bücher in den letzten fahren allein 20 Drucke unserer Offizin ausgezeichnet wurden.

Geleitwort in: Nachtrag zur Schriftprobe der Offizin Haag-Drugulin AG. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1933. S. 9 f.

Als Ausdruck dieses erneut hohen Anspruchs ist auch ›Drugulins Schatzkästlein für Bücherfreunde‹ zu verstehen, ein 160 Seiten umfassendes, aufwendig gestaltetes ›Musterbüchlein‹, das die Druckerei im Dezember 1936 als »Neujahrsgabe für ihre Freunde« produziert hat und das auf jedem Blatt ein aus einer anderen Schrift der Offizin gesetztes Zitat enthält, insgesamt 76. Es war von Erich Wolters, dem späteren künstlerischen Leiter der Offizin, gestaltet und wurde 1937 auf der Pariser Weltausstellung mit dem ›Diplom d’honneur‹ ausgezeichnet.

Dass sich die Offizin unter der Leitung von Kellner der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Buchdrucks und der Schrift durchaus bewusst war und sich als Teil der buchkünstlerischen Kultur begriff, wird schließlich in seiner 1939 veröffentlichten und lehrreichen ›Kleine[n] Stilgeschichte unserer gebräuchlichsten Druckschriften‹ überaus deutlich.

Nur wenige Jahre nach Erscheinen des zweiten Nachtrags waren offenbar alle drei Proben vergriffen, so dass eine neue Auflage notwendig wurde, die 1936 erschien. Allerdings hielt es die Offizin 1935 – vor allem wohl infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 – »wegen der wachsenden Bevorzugung der Frakturschriften« für angebracht, ihren »um viele wertvollen Neuanschaffungen bereicherten Bestand an deutschen Schriften« in einer »einfach gebundene Sonderausgabe zuerst« fertigzustellen,wie es im Vorwort der Probe heißt. Sieht man von dem ›deutschnationalen‹ Unterton und den allgemeinen damaligen verhängnisvollen Umständen ab, die zu der Entscheidung geführt haben, so ist der Band mit über 80 verschiedenen Schriften respektive Schriftschnitten durchaus ein Schmuckkästchen für Liebhaber gebrochener Schriften.

Die ein Jahre später erschienene Gesamtprobe ersetzte nun alle früheren Bände, die inzwischen auch vergriffen waren, und »umfaßt unser ganzes Material nach dem Stand vom Frühjahr 1936«. Auf fast 500 Seiten werden darin knapp 300 Schriften und deren Varianten präsentiert. Entsprechend dem schon angesprochenen deutsch-nationalen ›Zeitgeschmack‹ oder, wie es im Vorwort heißt, »wegen der erfreulich wachsenden Bevorzugung der Frakturschriften« nehmen diese mit fast 80 Schriften und Schnitten einen weiten Raum in der Probe ein. Auch das Vorwort und die Schriftnamen sind, anders als bei den vorherigen Proben, aus einer Fraktur gesetzt. Nichtsdestotrotz und »entsprechend der ausgedehnten Verbreitung der sogenannten lateinischen Schrift in der außerdeutschen Welt ist die Auswahl dieser Schriftart [mit 150 Schriften und Schnitten] bedeutend größer«. Schließlich enthält die Probe auch das umfangreiche »fremdsprachliche Schriftmaterial« der Offizin, das »von unserer Gründerfirma, der Offizin W. Drugulin, im Laufe ihres hundertjährigen Bestehens teils selbst geschaffen, teils in den Ursprungsländern angekauft« wurde und das »die Schriftzeichen für fast alle Sprachen der Welt« umfasst.

Einen existentiellen Einschnitt bedeutete der Luftangriff in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 auf Leipzig. Dabei wurden unter anderem weite Teile des ›Graphischen Viertels‹ von Leipzig zerstört. Die Offizin verlor ihr Verwaltungsgebäude, 60% der Produktionsanlagen und fast die gesamte Setzerei. Auch Ernst Kellner kam dabei ums Leben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb 1946 enteignet und unter dem Namen VEB Offizin Haag-Drugulin weitergeführt. Unter Horst Erich Wolter (1906–1984), einem der führenden Typographen und Buchgestalter der DDR, der als Setzer von 1927 bis 1929 in der Druckerei von Poeschel & Trepte und danach bei Drugulin gearbeitet hat und die künstlerische und technische Leitung von 1948 bis 1971 inne hatte, versuchte die Offizin trotz der Kriegsverluste an die frühere »buchkünstlerische Kultur« (Wolter) anzuknüpfen. Die 1948 produzierte und von Wolter gestaltete ›Schrift- und Anwendungsprobe von Werkschriften für den schönen Buchdruck‹ spiegelt diesen Anspruch wieder. Im Vorwort schrieb er entsprechend:

Die Zerstörungen des furchtbaren Krieges sind auch an unserem Hause nicht spurlos vorübergegangen. Wertvolle und sehr reiche Schriftbestände wurden vernichtet und können in absehbarer Zeit nicht ersetzt werden. Es erscheint daher fast wie ein Wunder, wenn sich inmitten der Ruinen Buchdruckerwerkstätten befinden, in denen sich viele fleißige Hände regen. Es sind wieder Männer am Werk, um Leipzigs weitbekannten Ruf als Stadt des Buches zu festigen und weiter auszubauen. Auch die Offizin will, verpflichtender Tradition eingedenk, bei diesem regen Schafen nicht zurüchstehen. Wir betrachten es als eine unserer schönsten Aufgaben, an der buchkünstlerischen Kultur zeitloser Druck-Erzeugnisse mit allen Kräften mitzuarbeiten.

Schrift- und Anwendungsprobe von Werkschriften für den schönen Buchdruck. Leipzig : Haag-Drugulin, 1948. S. 5

Dass der Anspruch auch in die Realität umgesetzt wurde, belegt die Tatsache, dass Drucke der Offizin bei dem 1952 wiedereingeführten Wettbewerb ›Schönste Bücher‹ regelmäßig ausgezeichnet wurden, darunter auch die mehr als 630 Seiten umfassende und aufwendig, geradezu dekorativ gestaltete Schriftprobe von 1953. Sie präsentiert rund 250 Werk- und Akzidenzschriften, darunter auch zahlreiche gebrochene Schriften.

Als Einleitung dient eine konzise, überaus lesenswerte von Wolter verfasste und mit Schriftproben illustrierte Schriftgeschichte, die natürlich auch an Kellners ›Kleine Stilgeschichte‹ von 1939 anknüpft. Darin bekennt sich Wolters einerseits bemerkenswerterweise zum weiteren Gebrauch der gebrochenen Schriften:

Es soll hier nicht eingehend erörtert werden, ob Gotisch und Fraktur in der Gegenwart noch ihre Berechtigung haben. Im Dienste der Völkerverständigung verdient die Antiqua den Vorzug. Das bedeutet jedoch nicht, daß man auf das ererbte Kulturgut von gotischen und Fraktur-Schriften ganz verzichten soll. Die Auswahl der Schrift ist nicht nur vom Standpunkt der Leserlichkeit zu treffen, sondern auch vom Geistigen her. Die Grundlage für die Schönheit des Buches und jeder Drucksache ist die Type; ihre Form entstand aus einer langen Entwicklung, in der sich der dauerhafte Kulturbestand einer jeden Nation herausgebildet hat; und daher bleiben auch diese Schriften weiter lebendig. (S. 30)

Horst Erich Wolter in: Die Schriftproben des Volkseigenen Betriebes Offizin Haag-Drugulin. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1953. S. 30

Andererseits sieht er seine Arbeit, wie die Vertreter der Buchkunstbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, in der Tradition der ersten Drucker der Inkunabel-Zeit:

Es wurde versucht, den Sinn für die schöne Form der Schrift zu wecken. Wie die prächtigen Drucke aus der Frühzeit des deutschen und italienischen Buchdrucks empfängliche Menschen durch die Form begeisterten und immer wieder begeistern, so empfinden auch die werktätigen Menschen unserer Zeit das Echte und Wahre jeder guten Arbeit. Wir müssen wieder das Gefühl dafür finden, daß Type und Inhalt des Druckwerks wie Wort und Schrift eng zusammengehören und also einander entsprechen müssen und uns von jedem Formalismus freimachen. In unserem klassischen Kulturerbe, in der Welt der Klassiker und Humanisten, ist dieses Gefühl Form geworden.

Wie die Schrift als Ausdruck ihrer Zeit mit jedem gesellschaftlichen Umbruch neuen Reichtum gewann, anknüpfend an das überkommene Erbe und zugleich Neues schaffend, so müssen wir auch in dem heutigen Wandel der Zeit unsere Aufgabe klar erkennen. Es ist die Aufgabe, die Werke unserer und der großen Meister anderer Völker im vorbildlich gestalteten Buch dem Menschen nahezubringen […].

Horst Erich Wolter in: Die Schriftproben des Volkseigenen Betriebes Offizin Haag-Drugulin. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1953. S. 65

Nur ein Jahr später, im Juni 1954, wurde die Druckerei, wie viele andere Firmen in der DDR, mit dem Namen einer bekannten sozialistischen Persönlichkeit unbenannt, in dem Fall nach dem dänischen Schriftsteller Martin Andersen Nexö. Noch im selben Jahr wurde die letzte unter dem alten Namen ›Offizin Haag-Drugulin‹ aufwendig gestaltete Freundesgabe, ›Karl Marx – Gedanken und Aussprüche‹, gedruckt.

Wenige Jahre später wurden dann unter dem neuen Namen ›Volkseigener Betrieb Offizin Andersen Nexö‹ noch zwei Nachträge zur Probe von 1953 gedruckt. 19957 erschien der erste Band, in seiner Aufmachung, also in Bezug auf den orangfarbenen Leineneinband, das Vorsatzpapier und den zweifarbigen Druck, noch ganz an die Gesamtprobe von 1953 angelehnt. Wie bei dieser sind auch immer wieder Schriftmustertafeln ›eingestreut‹, und in einem Nachwort hebt Wolter noch einmal die umfassende Bedeutung der Schrift hevor:

Die Schrift offenbart uns den Reichtum der Seele. Sie ist Mittlerin unter den Menschen, und durch sie wird das unsichtbare Gefüge lebendig. In Jahrtausenden haben sich durch Mühe und Fleiß Formen entwickelt, die unsere Welt reicher und schöner gemacht haben.

Horst Erich Wolter in: Die Schriftproben des volkseigenen Betriebes Offizin Andersen Nexö. Erster Nachtrag. Leipzig: Offizin Andersen Nexö, 1957. S. 241

Im Unterschied dazu ist der zweite, 1962 erschienene Nachtrag schlichter gestaltet. Zudem weicht er auch durch seinen blauen Einband deutlich von den älteren Proben ab.

Zudem nutzte die Druckerei weiterhin die Möglichkeit, über hochwertige kleine Werbegeschenke in Form von ›Jahresgaben‹ oder ›Freundesgaben‹, wie der 1968 gedruckten zweisprachigen Ausgabe von Victor Hugos berühmten ›Hymnus auf die Druckkunst‹, einem Essay aus seinem Roman ›Notre Dame de Paris‹, Kunden zu binden oder neue zu gewinnen.

1988 wurde schließlich noch die mit knapp 700 Seiten im Vergleich zur vorherigen Probe etwas umfangreichere ›rote Schriftprobe‹ herausgegeben. Sie präsentiert allerdings mit rund 200 Schriften weniger ›Inhalt‹ als die vorherige Probe von Wolters und ist auch deutlich schlichter gestaltet, was vielleicht auch daran lag, das der von Wolter vertretene hohe buchkünstlerische Anspruch vier Jahre nach dessen Tod nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Wie auch immer, jedenfalls ist es meines Wissens die letzte Schriftprobe einer deutschen Druckerei für den traditionellen Buchdruck.

Nach der Wiedervereinigung wurden die Schriftschätze und Buchdrucktechnik der Offizin schließlich vom renommierten Münchner Typostudio Eckehart SchumacherGeblers übernommen. 1994/95 vereinigte er sie mit seinem eigenen Bestand und führt seitdem die Tradition der Druckerei zunächst in Leipzig, dann in Dresden bis heute weiter. Im Unterschied zu früheren Zeiten präsentiert die heutige Offizin Haag-Drugulin Graphischer Betrieb GmbH ihre Schriften heute indes ›nur‹ online und nicht in gedruckter Form – noch nicht.

Literatur

  • Reynolds, Daniel John Andrew: Schriftkünstler. A historiographic examination of the relationship between handcraft and art regarding the design and making of printers type in germany between 1871 and 1914. Braunschweig: Hochschule für Bildende Künste, 2020. passim
  • Eckehart SchumacherGebler: Die Geschichte der Offizin Haag-Drugulin (https://offizin-haag-drugulin.de/geschichte/)
  • ›Wie ein fruchtbarer Regen nach langer Dürre …‹. Buchkunst des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland. Virtuelle Präsentation zur gleichnamigen Ausstellung der Universitätsbibliothek Heidelberg vom 9. Mai 2018–10. Februar 2019
  • Neteler, Theo: Offizin W. Drugulin – Haag-Drugulin – Andersen Nexö. Bd. 1: Die Offizin W. Drugulin – Haag-Drugulin. Leipzig: Offizin Andersen Nexö, 2009
  • Hempel, Siegfried: Offizin W. Drugulin – Haag-Drugulin – Andersen Nexö. Bd. 2: Offizin Haag-Drugulin – Andersen Nexö 1943–2008. Leipzig: Offizin Andersen Nexö, 2009
  • Bähring, Helmut; Rüddiger, Kurt (Hrsg.): Lexikon Buchstadt Leipzig. Von den Anfängen bis zum Jahr 1990. Taucha: Tauchaer Verlag, 2008
  • Neteler, Theo: Die Offizin Haag-Drugulin – Ein Nachtrag, in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 16. Wiebaden: Harrassowitz, 2007. S. 157–190
  • Isphording, Eduard: Draufsichten. Buchkunst aus deutschen Handpressen und Verlagen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Leipzig: Faber & Faber, 2005. S. 80
  • Lehner, Georg: Der Druck chinesischer Zeichen in Europa. Entwicklungen im 19. Jahrhundert. Wiesbaden: Harrassowitz, 2004. S. 142–146
  • Riecker, Ariane ; Dittmann, Matthias ; Markov, Claudius: Offizin Andersen Nexö. Die Firmengeschichte. Leipzig: Offizin Andersen Nexö, 1995
  • Bergner, Walter: Die Offizin Haag-Drugulin in Leipzig, in: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie. 131. Heft, 1993/3. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag. 1993. S. 3–33
  • Bergner, Walter: Ein Fundus Leipziger Buchkultur. Zur Geschichte des Letternschatzes der Offizin Haag-Drugulin, in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 3. Wiesbaden: Harrassowitz, 1993. S. 257–274
  • Neteler, Theo: Die Offizinen W. Drugulin und Haag-Drugulin. Philobiblon 36.1. Stuttgart: Hauswedell, 1992. S. 27–52
  • Lexikon des gesamten Buchwesens, 2. Aufl. Stuttgart: Hiersemann: Bd. 1 (1987) S. 218 s.v. Baensch-Drugulin, Egbert Johannes; Bd. 2 (1989) S. 384 s.v. Drugulin; Bd. 3 (1991) S. 318 s.v. Haag-Drugulin
  • Bergner, Walter: Horst Erich Wolter. 1906–1984, in: Kapr, Albert (Hrsg.): Traditionen Leipziger Buchkunst: Carl Ernst Poeschel, Walter Tiemann, Hugo Steiner-Prag, Ignatz Wiemeler, Horst Erich Wolter. Leipzig: VEB Fachbuchverlag, 1989. S. 225–279
  • Salzmann, Karl H.: Baensch-Drugulin, Egbert Johannes, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 1. Berlin: Duncker & Humblot, 1953. S. 522 f.
  • ders.: Drugulin, Wilhelm Eduard, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 4. Berlin: Duncker & Humblot, 1959. S. 139 f.
  • Barge, Hermann: Geschichte der Buchdruckerkunst von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Reclam, 1940. S. 432 f.
  • Bauer, Friedrich: Chronik der Schriftgießereien in Deutschland und den deutschsprachigen Nachbarländern. 2., erg. Aufl. Offenbach a.M.: Verlag des Vereins Deutscher Schriftgießereien, 1928
  • Rodenberg, Julius: Deutsche Pressen: eine Bibliographie. Wien: Amalthea-Verlag, 1925. S. 218–222
  • Baensch, W.: Die Offizin W. Drugulin, Leipzig, in: Schulte-Strathaus, Ernst; Hildebrandt, Günther (Hrsg.): Die Bücherstube: Blätter für Freunde des Buches und der zeichnenden Künste, Die Bücherstube. 2. Jg. München: Buchenau & Reichert, 1923. S. 100–102
  • Loubier, Hans: Die neue deutsche Buchkunst. Stuttgart: Krais, 1921. passim
  • Schmidt, Rudolf: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes, Bd. 6. Berlin: Verlag der Buchdruckerei Franz Weber, 1902. S. 1071 f.
  • Lorck, Carl Berendt: Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Leipzig: J. J. Weber, 1882. S. 338–341
  • Lorck, Carl Berendt: Die Druckkunst und der Buchhandel in Leipzig durch vier Jahrhunderte. Leipzig: Weber, 1879. S. 110–112

Schriftproben

  • Proben aus der Schriftgießerei, Stereotypengießerei und Buchdruckerei von Friedrich Nies in Leipzig. Leipzig: Nies, 1835
  • Proben der Schriftgießerei und Buchdruckerei von W. Drugulin in Leipzig. Leipzig: Offizin W. Drugulin, 1872
  • Dem Deutschen Orientalistentag Leipzig. Leipzig: Offizin W. Drugulin, 1921
  • Proben einiger Hausschriften der Offizin W. Drugulin, Heft 1. Leipzig: Offizin W. Drugulin, 1924
  • Schriftproben der Offizin Haag-Drugulin A.-G. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1929
  • Nachtrag zur Schriftprobe der Offizin Haag-Drugulin AG. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1930
  • Anwendungsproben der schönsten Drugulin-Schriften. Erstes Heft. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1932
  • 2. Nachtrag zur Schriftprobe der Offizin Haag-Drugulin AG. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1933
  • Die Frakturschriften der Offizin Haag-Drugulin AG. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1935
  • Anwendungsproben der schönsten Drugulin-Schriften. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, o.J. (um 1935)
  • Die Schriftproben der Offizin Haag-Drugulin. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1936
  • 1. Nachtrag zur Schriftprobe der Offizin Haag-Drugulin von 1936. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1939
  • Schrift- und Anwendungsprobe von Werkschriften für den schönen Buchdruck . Monotype, Intertype, Linotype, Typograph. Leipzig: Haag-Drugulin, 1948
  • Die Schriftproben des Volkseigenen Betriebes Offizin Haag-Drugulin. Leipzig: Offizin Haag-Drugulin, 1953
  • Die Schriftproben des volkseigenen Betriebes Offizin Andersen Nexö. Erster Nachtrag. Leipzig: VEB Offizin Andersen Nexö, 1957
  • Die Schriftproben des volkseigenen Betriebes Offizin Andersen Nexö. Zweiter Nachtrag. Leipzig : VEB Offizin Andersen Nexö, 1962
  • Schriftproben für den Bleisatz. Leipzig: VEB Offizin Andersen Nexö, 1988

Insel-Miszelle: geklebt oder gedruckt

Die 1912 vom Insel-Verlag unter der Leitung von Anton Kippenberg ins Leben gerufene ›Insel-Bücherei‹ gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Buchreihen weltweit, sondern ist, so der Leipziger Buchwissenschaftler Siegfried Lokatis, »die schönste und ehrwürdigste Buchreihe der Welt« (Video-Beitrag vom 19.3.2014). Kippenbergs Anliegen war es, ansprechend gestaltete Bücher auch für ein breiteres Publikum erschwinglich zu machen. Kennzeichen der billigen Bändchen war ihre relativ hochwertige Ausstattung: Sie waren fest gebunden – bis 1927 wurden die Bände allerdings noch mit Drahtheftung gebunden, erst danach mit Fadenheftung – , mit Buntpapier bezogen und auf gutem Papier einwandfrei gedruckt. Für den Satz wurden unterschiedliche, dem Inhalt angemessene Schriften verwendet.

Ein weiteres Kennzeichen zumindest der bis in die 1970 erschienenen Bände sind das aufgeklebte Titelschild und das aufgeklebte Rückenschild in der Regel mit Angabe des Autors und des Kurztitels. Erst seit den 1980er Jahren werden Titel- und Rückenschild zumindest im Frankfurter Insel-Verlag vor allem aus Kostengründen auf den Einband mitgedruckt und das Titelschild zusätzlich eingeprägt, während im Leipziger Verlag diese noch bis zur Wende in aufwendiger Handarbeit aufgeklebt wurden.

So ist es jedenfalls meist zu lesen und so hatte ich es bislang auch in Erinnerung – bis ich vor wenigen Tagen vier bebilderte Bände aus den 1930er Jahren erwarb, deren Titel ebenfalls aufgedruckt sind.

Im Katalog der Sammlung Jenne waren in den entsprechenden Einträgen allerdings keine Angaben dazu zu finden. Aber eine stichprobenartige Recherche im online einsehbaren vorzüglichen Katalog der Sammlung Hermann Bresinsky führte zu dem Ergebnis, dass bei einigen in den 1930er und 40er Jahren sowie in Wiesbaden in den 1950er Jahren erschienenen Bänden tatsächlich bereits Titel- und Rückenschild eingedruckt wurden. Und das betrifft nicht nur Bildbände, sondern auch reine Textbände. Der ›Befund‹ wurde schließlich noch durch die folgende Aussage von Annemarie Meiner aus dem Jahr 1937 bestätigt: »Daß heute die Schildchen vielfach aus dem Muster des Einbandes ausgespart und so täuschend eingedruckt worden sind, als wäre sie wie früher aufgeklebt, wer hat das von den Hunderttausenden von Lesern bemerkt?« (Dies.: Die Insel-Bücherei und der Bücherfreund, in: Die Insel-Bücherei 1912–1937. Leipzig: Insel-Verlag, 1937. S. 37 f.) Offenbar kaum jemand.

Literatur

  • Kästner, Herbert (Hrsg.): Die Insel-Bücherei: Bibliographie 1912–2012. 2., erg.Auf. Berlin: Insel Verlag, 2013
  • Sarkowski, Heinz; Jeske, Wolfgang; Unseld, Siegfried: Der Insel Verlag 1899–1999. Die Geschichte des Verlags. Frankfurt a.M.: Insel Verlag, 1999. S. 116–124. 372–385. 459–462 u. passim
  • Kästner, Herbert (Hrsg.): Die Insel-Bücherei: Bibliographie 1912–1999, Insel-Bücherei. Frankfurt a.M. and Leipzig: Insel Verlag, 1999
  • Kästner, Herbert (Hrsg.): 75 Jahre Insel-Bücherei 1912–1987. Eine Bibliographie. Leipzig: Insel-Verlag, 1987
  • Plantener, Gerd: Die Insel-Bücherei 1912–1984. Eine Bibliographie. Frankfurt a.M.: Selbstverlag, 1985
  • Zeller, Bernhard (Hrsg.): Die Insel. Eine Ausstellung zur Geschichte des Verlages unter Anton und Katharina Kippenberg vom 8. Mai bis 31. Oktober 1965 des Schiller-Nationalmuseums, Katalog Bd. 15. Marbach a.N.: Deutsches Literaturarchiv im Schiller-Nationalmuseum, 1965. S. 138–159 u. passim
  • Sarkowski, Heinz: 50 Jahre Insel-Bücherei 1912–1962. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1962
  • Sarkowski, Heinz (Hrsg.): Der Insel-Verlag: Eine Bibliographie. 1899–1969. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1970
  • Die Insel-Bücherei 1912–1937. Leipzig: Insel-Verlag, 1937
  • Insel-Bücherei (Wikipedia)
  • Faszination Insel-Bücherei. Eine Buchreihe schreibt deutsche Geschichte. Beitrag auf der Website zum Katalog Jenne
  • Lokatis, Siegfried: Eine gesamtdeutsche Reihe? Der Nummern-Krieg und die Jubiläen der Insel-Bücherei 1962 und 1987 (2012). Beitrag auf der Website der Bundeszentrale für poitische Bildung

›Klein-Heidelberg‹ in Leipzig

Auf den Weltausstellungen im späten 19. Jahrhundert wurde auch dem deutschen Druckgewerbe seine qualitativen und künstlerischen Defizite vor allem gegenüber den französischen und englischen Mitbewerbern immer wieder deutlich vor Augen geführt. Zu mehr als einer Bronzemedaille reichte es meist nicht. Erst nach der Jahrhundertwende hatte man den Abstand zur Weltspitze aufgeholt, und 1914 sollte dies dann endlich auch stolz der Weltöffentlichkeit präsentiert werden: Anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Leipziger ›Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe‹ organisierte der ›Deutsche Buchgewerbeverein‹ ebendort die ›Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik‹ (Bugra).

Der eher funktional gestaltete offizielle Katalog lässt nur bedingt den enormen Aufwand erkennen, der damals auf dem rund 40 ha großen Ausstellungsgelände am Fuße des Völkerschlachtdenkmals getrieben wurde. 22 Länder beteiligten sich an der Leistungsschau – davon fünf (Italien, Frankreich, Österreich, Russland, England) mit Nationalausstellungen in eigenen Gebäuden –, mehr als 2.300 inländische und mehrere Hundert ausländische Aussteller waren angemeldet. Die Kosten stiegen von ursprünglich geplanten 1,9 Mio. Mark auf insgesamt fast 7 Mio. Mark.

Das dynamische, von Walter Tiemann gestaltete Plakatmotiv der Bugra, der fackelschwingende Genius der Buchkunst auf dem Buchdruckergreif, steht sinnbildhaft für das neue Selbstbewusstsein.

Offizielles Plakat der Bugra 1914 (Entwurf: Walter Tiemann)

Tatsächlich war die Bugra aber nicht nur eine reine buchgewerbliche Fachmesse, sondern sie verband damit auch Elemente einer ›Weltkulturschau‹ und einer Kunstausstellung. So gab es neben einem großen Vergnügungspark mit Wasserrutsche, japanischem Garten und Panoramabahn samt Nachbildung der Sächsisch-Böhmischen Schweiz und Restaurant ›Oberbayern‹ auch mehrere ›Sonderausstellungen‹, die sich verschiedenen Themen widmeten, die in mehr oder weniger engem Bezug zu Schrift, Buch und Druckwesen standen. Dazu gehörte etwa die Beziehung zwischen ›Schule und Buchgewerbe‹, die Rolle der ›Die Frau im Buchgewerbe und in der Graphik‹ oder eine ›Internationale Ausstellung für das kaufmännische Bildungswesen‹.

Auch die »enge Beziehungen zwischen den Hochschulen als Pflanzstätten und Zentren des geistigen Lebens und dem Buchgewerbe und der Graphik, als seine Träger und Verbreiter« sollte in einer Sonderausstellung (›Der Student‹) thematisiert werden, wozu extra ein ›Akademisches Viertel‹ nachgebaut wurde. Als Vorbild diente, gleichsam als Inbegriff einer traditionellen deutschen Universitäts- und Studentenstadt: Heidelberg. Für etwa 327.000 Mark entstand »eine freie Nachbildung des Heidelberger Schlosses (Otto Heinrichsbau, Glockenturm, Gläserner Saalbau, Friedrichsbau)«, ein »neuzeitliches Studentenhaus«, »ein trotziger Torturm (mit Karzer)« sowie »ein Gasthaus (Exkneipe) ›Zum schwarzen Walfisch‹, das Schloß Weinrestaurant ›Alt-Heidelberg‹ mit Theater (Otto Heinrichsbau) sowie der Faßbau ›Zum Perkeo‹ mit dem darüberliegenden ›Saalbau‹«. (Zitate aus: Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik Leipzig 1914. Amtlicher Katalog. Leipzig, 1914. S. 517)

Das Konzept dieser Inszenierung wird in einer offiziellen Broschüre folgendermaßen beschrieben:

Die engen Beziehungen, in denen von seinen ersten Anfängen an das Buchgewerbe zu dem wissenschaftlichen Leben der Hochschu1en gestanden hat, rechtfertigen es durchaus, daß mit der ersten großen Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik auch eine Sonderausstellung verbunden wurde, die zum ersten Male ein umfassendes Kulturbild des studentischen Lebens bietet. Trotzdem die Sonderausstellung über die Grenzen der Entwicklung des deutschen Studentenlebens hinausgegriffen und sowohl die ältere Geschichte des außerdeutschen, abendländischen, akademischen Lebens bis auf die Jetztzeit verfolgt, als auch das moderne Studentenleben, wie es sich z.B. in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Japan usw. entfaltet hat, in Betracht gezogen hat, so steht doch naturgemäß das deutsche Studententum, sein Entstehen, Werden und Sein, im Mittelpunkte dieser hochinteressanten Sonderausstellung.

Die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik. Leipzig: Brockhaus, 1914. S. 24 f.

Zur intendierten Wirkung des ganzen Ensembles heißt es weiter:

Für die Anlage des ›Akademischen Viertels‹ ist in freier Anlehnung an ›Alt-Heidelberg‹ eine Stätte geschaffen worden, wie sie kaum idealer gedacht werden kann. Der Heidelberger Friedrichsbau, der gläserne Saalbau, der Glockenturm und andere Gebäude versetzen den Besucher so recht mitten hinein in studentisches Fühlen und Denken, so daß er die ihm gebotene Ausstellung mit großer Freude und erhöhtem Verständnis des näheren betrachten wird.

Ein modernes Couleurhaus, ein Dorfwirtshaus, der Faßbau, der Kneipsaal u.a.m. laden zu längerem Verweilen ein, Es ist ein 1ebensfrohes Bild, daß die Ausstellungsleitung in dem ›Akademischen Viertel‹ geschaffen hat.

Die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik. Leipzig: Brockhaus, 1914. S. 25
Die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik. Leipzig: Brockhaus, 1914 (links Titelblatt)
Die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik. Leipzig: Brockhaus, 1914 (links Titelblatt)

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer erlitt die erst im Mai eröffnete Ausstellung jedoch einen herben Rückschlag. Bedeutende ›Buchländer‹ wie Frankreich und England zogen ihre Vertretungen ab, ein starker Besucherrückgang und ein erhebliches finanzielles Defizit waren u.a. die Folge. Bis Juli haben zwar immerhin rund 2,3 Millionen Menschen aus dem In- und Ausland die Bugra besucht. Am Ende standen »Einnahmen von 6,4 Mio. Mark […] schließlich Ausgaben von 6,88 Mio. Mark gegenüber« (M. Middell in: Die Welt in Leipzig. Bugra 1914. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 2014. S. 74).

Die vorläufige Bilanz vom 31. Oktober 1914 hatte ergeben, daß alle Garantiezeichner mit 100 % in Anspruch genommen werden mußten und daß sich darüber hinaus noch ein Fehlbetrag von 500.000 M ergeben würde. Die Kriegsverluste der Ausstellung hat die Ausstellungsleitung auf insgesamt 1.200.000 M beziffert.

Zitat aus: Stefan Paul-Jacobs: Die Bugra und der Krieg, in: Die Welt in Leipzig: Bugra 1914. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 2014. S. 215

Literatur

Fraktur nach 1941

Doch etwas irritiert blickte ich gestern in dieses hübsche Buch von 1942 des saarländischen katholisch-konservativen Heimatdichters Johannes Kirschweng, das ich gestern dem hiesigen öffentlichen Bücherschrank entnommen habe.

Es handelt sich um die fünfte Auflage des erstmals 1940 im Freiburger Herder-Verlag erschienen Buches und ist in einer schönen Fraktur, vermutlich der Unger-Fraktur, gesetzt, obwohl die Nazis entsprechend einem von Martin Bormann am 3. Januar 1941 veröffentlichten Erlass doch die Verwendung von Frakturschriften oder, wie sie darin irreführend genannt wurden, »Schwabacher Judenlettern« in Deutschland verboten hatten. Das hat offenbar nicht wie gewünscht funktioniert, wobei das im vorliegenden Fall auch daran gelegen haben könnte, dass einfach nur der Stehsatz von 1940 verwendet wurde und auch damals ökonomische Gründe Vorrang vor der Ideologie hatten.

Dass bereits zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung eine fünfte Auflage gedruckt wurde, spricht für die Popularität des Inhalts, was insofern nicht verwundert, da »sein Buch«, wie Kirschweng im Vorwort schreibt, »Menschen in die Hand geraten [möge], die traurig sind und nach Trost verlagen.« Derer gab es spätestens nach 1939 bekanntlich mehr als genug.

Eine geradezu visonäre alte Frau

Mit einem kleinen, aber feinen Geschenk bedachte mich vorgestern ›mein‹ Heidelberger Antiquar Victor Canicio Vola: Die erste Ausgabe der Zeitung ›Scharzwälder-Bote‹ vom 3. Januar 1835. Es handelt sich tatsächlich um ein einziges, beidseitig gedrucktes Blatt (36,5 × 21,1 cm), das in der Mitte gefalzt ist und somit lediglich vier Seiten umfasst.

Schwarzwälder-Bote, Ausgabe Nr. 1, 3. Januar 1835 (S. 1 und 4)
Schwarzwälder-Bote, Ausgabe Nr. 1, 3. Januar 1835 (S. 2 und 3)

Ins Leben gerufen hat das ›Amts- und Intelligenz-Blatt‹ vor 186 Jahren der Buchdrucker und Verleger I. E. G. Fischer in Sulz am Neckar »mit einer Auflage von knapp 100 Exemplaren«. Seine Absicht war die Gründung einer »gemeinnützigen Anstalt«, die bestrebt sei,

»durch den Inhalt des Blattes den Titel desselben, nämlich den eines Amts- und Intelligenzblattes zunächst für den Oberamtsbezirk Sulz, zu rechtfertigen und in dieser bescheidenen Sphäre jeder billigen Anforderung der verehrten Leser zu genügen«.

Offenbar war es nicht selbstverständlich, dass Sulz eine eigene Zeitung brauchte, denn Fischer meint ausdrücklich darauf hinweisen zu müssen, dass seiner Ansicht nach

»innerhalb der bestimmten Grenzen [Oberamtsbezirk Sulz] eines auf die näher liegenden Bedürfnisse des bürgerlichen und geselligen Lebens berechneten Planes der Erforschung und Erkenntnis des Neuen und Nützlichen noch immer ein weites Gebiet geöffnet bleibe«.

Vielleicht hatte er sich mit dem Unternehmen dann doch etwas überhoben, denn bereits im selben Jahr, im September, übernahm sein Teilhaber, der gelernte Schriftsetzer Friedrich Wilhelm Brandecker »den Verlag und siedelte zwei Jahre später nach Oberndorf um«, wo die Zeitung bis heute im Druck und digital erscheint (https://www.schwarzwaelder-bote.de). Nähere Informationen zu den Umständen der Gründung der Zeitung und ihrer weiteren Geschichte geben der Verleger Richard Rebmann in seiner Rede beim Festakt zum 175-jährigen Jubiläum des Schwarzwälder Boten im Jahr 2010 und Peter Wolf in einem Beitrag der Zeitung vom 2. Januar 2010 (s. auch den entsprechenden Wikipedia-Artikel).

Abgesehen davon, dass es sich um die erste Ausgabe der Zeitung handelt, sind auch die darin veröffentlichten Meldungen interessant bis amüsant. Denn neben beispielsweise amtlichen Verfügungen, Anzeigen und Lebensmittelpreisen

»wird [die Zeitung] auch in einer fortlaufenden Reihe gediegener Artikel landwirtschaftliche und ökonomische Abhandlungen, sodann Intelligenznachrichten und Privatanzeigen aller Art liefern, endlich durch eine bewährte Auswahl vermischter Aufsätze (Miscellen), Gedichte, Charaden, Räthsel etc. für eben so mannigfaltige als belehrende Unterhaltung sorgen«.

In der ersten Ausgabe sind bereits zwei solcher Miszellen abgedruckt, von denen eine besonders erstaunlich ist, weil die dort zitierte »alte abgelebte Frau« vor über 180 Jahren mit ihrem Anliegen in der Druckerei bereits auf ein Problem verweist, dass eigentlich erst heute mit den stufenlos skalierbaren Schriften am Rechner gelöst ist.

»Eine alte abgelebte Frau kam, mit ihrem Gesangbuche unter dem Arm in die Druckerei. ›Ich bin nun alt‹, sagte sie, ›und auf beiden Augen blöde; machen Sir mir doch aus diesen kleinen Buchstaben größere.‹«

Schwarzwälder-Bote, Ausgabe Nr. 1, 3. Januar 1835 (Miszelle S. 3)

Mit dem roten Baedeker ins Paris der 1930er Jahre

Wieder ein schöner Fund im Neuenheimer Bücherschrank und diesmal sogar ein besonders aufschlussreicher: Die 20. Auflage des Baedekers zu ›Paris und Umgebung‹ von 1931, also 13 Jahre nach dem Ende des Ersten und acht Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, in hervorragendem Zustand, mit allen Karten und dem für die vor dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Ausgaben typischen marmorierten Buchschnitt.

Abgesehen von den bekannten Vorzügen der alten Baedeker, ihren schönen Plänen sowie detaillierten Reiseinformationen und Beschreibungen, nicht nur der Sehenswürdigkeiten, sondern auch von ›Land und Leuten‹, besticht gerade in dieser Ausgabe die angenehm nüchterne Akkuratesse: So wird etwa im Abschnitt über Compiègne auch der Wagon erwähnt, in dem 1918 das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde, und zwar mit folgenden Worten:

6km östlich von Compiègne, am Carrefour de l’Armistice, 2km nördl. des Bahnhofs Rethondes (S. 407), empfing am 8. Nov. 1918 Marschall Foch die deutschen Bevollmächtigten (Staatssekretär Erzberger), die am 11. Nov. 5 Uhr vorm. franz. Zeit die Bedingungen des Waffenstillstandes unterzeichneten. Der Salonwagen, in dem dieses Ereignis stattfand, steht seit 1927 in einem Betongebäude am Rande der Lichtung (Eintritt 1 fr.). In der Mitte des Platzes und an den Stellen, wo die beiden Züge standen, sind Steinplatten mit Inschriften angebracht.


Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. 406

»Dieses Ereignis« und das zu Beginn der NS-Diktatur – sachlicher geht’s nicht. Im Abschnitt zu Versailles erfährt man zudem:

Im Kriege 1870–71 war Versailles vom 5. Oktober 1870 bis zum 6. März 1871 Sitz des deutschen Hauptquartiers. König Wilhelm wohnte in der Präfektur. In dem Hause Boulevard du Roi Nr. 1 unterhandelten am 23.–24. und 26.–28. Januar Bismarck und Jules Favre über die Kapitulation von Paris und die Friedenspräliminarien. Nach dem Abzug der Deutschen (12. März 187 1) erfolgte von hier aus unter Marschall MacMahon die Bekämpfung der Pariser Kommune. Versailles war dann bis 1879 Sitz der französischen Regierung und der Kammern. Am 28. Juni 1919 wurde in Versailles der Friede zwischen den alliierten Mächten und Deutschland unterzeichnet (vgl. S. 350).

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. 343

Und wenige Seiten später heißt es:

In der Spiegelgalerie fand am 18. Januar 1871 die Verkündigung der Wiederherstellung des deutschen Kaisertums statt und am 28. Juni 1919 die Unterzeichnung des Friedensvertrags mit Deutschland.

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. 350

Punkt. Unglaublich. Nicht einmal ein Hauch von gekränktem Nationalstolz oder Revanchismus! Und das zu einer Zeit, in welcher der Versailler Friedensvertrag von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung als schmachvoller ›Diktatfrieden‹ empfunden wurde, was eine wesentlicher Antrieb für das Aufkommen des Nationalsozialismus war. Unter dem Aspekt erstaunt auch die nüchterne, beinahe wohlmeinende Erwähnung des jüdischen Viertels im Marais:

Die von der Rue Pavée gekreuzte Rue des Rosiers ist der Mittelpunkt des alten Judenviertels, das die engen Straßen zwischen Rue Vieil-du-Temple, Rue de Rivoli und Rue de Turenne umfaßt und noch immer ein Bild unverfälschten jüdischen Volkslebens bietet.

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. 201

Ähnlich respektvoll klingen im einleitenden Kapitel die allgemeinen Hinwiese zu den »Umgangsregeln« für einen Besuch der Hauptstadt des damaligen ›Erzfeindes‹, die man im Wesentlichen auch heute noch beachten sollte:

Wer im Ausland reist, sollte sich stets bewußt sein, daß er überall als Vertreter seines Volkes angesehen wird und daß sein Verhalten und seine Umgangsformen das Urteil über seine Landsleute mitbestimmen. Wenn man sich der Eigenart des fremden Landes und seiner Bewohner anzupassen und im Verkehr höfliche Formen zu wahren weiß, auf die der Franzose besonderen Wert legt, wird man überall Entgegenkommen finden. Selbst im ehemaligen Kriegsgebiet braucht man mit Takt und Zurückhaltung keine Unannehmlichkeiten zu fürchten. Deutsch kann man ungescheut in der Öffentlichkeit sprechen, doch vermeide man allzu laute Unterhaltung, die als Mangel an gesellschaftlicher Bildung beurteilt wird. Eine gewisse Kenntnis der französischen Sprache ist notwendig, wenn man auch in größeren Gasthöfen und in manchen Restaurants deutsch-sprechende Angestellte findet. Man drücke sich kurz und präzise aus und gewöhne sich an die französischen Formen der Höflichkeit, die alle Anreden mit Monsieur, Madame und Mademoiselle zu schließen pflegt und bei Aufträgen auch an den Kellner oft ein s’il vous plaît hinzufügt.

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. XII

Im folgenden geht es dann auch ins Detail:

Beim Passieren eines Leichenzuges nehmen Herren den Hut ab, behalten ihn dagegen im Café und in Kaufläden, sowie im Theater bis zum Beginn der Vorstellung meist auf. Für die vornehmen Restaurants ist abends der Frack (habit) oder Smoking (smoking) kaum zu entbehren; ebenso ist Gesellschaftsanzug während der Saison in manchen Theatern erforderlich. Auf der Straße erteilen die Schutzleute (agents de police; im Pariser Argot ›sergots‹ oder ›flics‹) bereitwillig Auskunft; einige von ihnen sind fremder Sprachen mächtig und tragen Armbinden mit entsprechender Aufschrift. Daß man nachts abgelegene Viertel vermeidet, versteht sich von selbst. Taschendiebe treiben, wie in allen Großstädten, ihr Wesen im Gedränge der Bahnhöfe, Straßenbahnen, Kirchentüren u. dgl. – Über Trinkgelder in den Hotels und Restaurants vgl. S. 3 und 17; auch Chauffeure, die Platzanweiserinnen in den Theatern und Kinos sowie Barbiergehilfen erhalten stets ein Trinkgeld, die Autobus- und Straßenbahnschaffner jedoch in der Regel nicht.

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. XII

Schließlich werden in guter alter Baedeker-Manier zudem landestypische, eigentlich auch heute noch lebendige Eigenarten hervorgehoben, deren Beachtung einen sorgenfreien Aufenthalt in la capitale gewährleisten sollen, so etwa in Hinsicht auf den französischen Verkehr:

Das Kraftfahrwesen ist in Frankreich weiter entwickelt als in Deutschland. Es wird schneller und ›individueller‹ gefahren als bei uns. Fußgänger und Radfahrer nehmen weniger Rücksicht auf Autos und rechnen damit, daß man ihnen ausweicht. Fahrtrichtungsanzeiger sind unbekannt, man gibt Zeichen mit der Hand.

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. XV

Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal der alten Baedeker ist bekanntlich deren Aufmerksamkeit gegenüber kulturellen Aspekten. So widmet der Paris-Band ganze 22 Seiten einer zusammenfassenden Darstellung der »Französischen Kunst«, in der aufgrund der Nachbearbeitung durch den jüdischen Archäologen und Kunstkritiker Hans Nachod vergleichsweise ausführlich auch auf zeitgenössische Strömungen, etwa in der Architektur, eingegangen wird:

In der privaten Bautätigkeit, besonders im Siedlungswesen, sind unter der Führung von Baumeistern wie Sauvage, Robert Mallet-Stevens, Le Corbusier, André Lurçat u.a. bemerkenswerte Fortschritte gemacht werden. Die Neubauten, die in verschiedenen Stadtquartieren, in Passy, am Park von Montsouris und vor allem auch an Stelle des niedergelegten Befestigungsgürtels entstehen, suchen vielfach mit glücklichem Erfolg die neuen Ansprüche an Hygiene und Raumverteilung zu verwirklichen und sind entschiedene Bekenntnisse zur Einfachheit in der äußeren Erscheinung.

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. LIII

Gerade die Ausführungen am Ende des Kapitels sind in Anbetracht der Tatsache, dass bereits 1930 in Deutschland erste offizielle Maßnahmen gegen Künstler der ›Klassischen Moderne‹ ergriffen wurden, bemerkenswert. So schreibt Nachod:

Gegenüber der fortschrittlichen Bewegung in der Architektur sind die neueren Strömungen in Malerei und Plastik weniger einheitlich und haben noch nicht zu einem ausgesprochenen neuen Stil geführt, der sich weithin Anerkennung verschafft hätte. Das internationale Künstlertum in Paris, das in den letzten Jahren immer mehr aus der Montmartre-Gegend nach dem Montparnasse hinüberzieht, gehört ebenso wie das einheimische einer großen Zahl von widerstreitenden Richtungen an. Neben dem Kubismus, der zur abstrakten Malerei geführt hat, und in dem vor allem der Spanier Pablo Picasso eine führende Rolle einnimmt, ist neuerdings die dem Impressionismus sich nähernde bewußt primitive Landschaftsmalerei des Maurice Utrillo beliebt geworden; eine besondere Richtung, des Surrealismus, sucht gar außerhalb der bildenden Kunst liegende Einwirkungen auf das Gemütsleben des Beschauers zu erreichen. Im Sinne Cézannes gehen ihre eigenen Wege beachtenswerte Maler wie Henri Matisse, Vlaminck, Derain. Im Luxemburg-Museum sind bisher nur wenige der neuesten Künstler vertreten. Dafür hat der Fremde Gelegenheit, die Mannigfaltigkeit dieses künstlerischen Schaffens in den Salons und in den zahlreichen Galerien und Kunsthandlungen kennen zu lernen.

Paris und Umgebung. Handbuch für Reisende. 20. Aufl. Leipzig: Baedeker, 1931. S. LIII f.

Wie gesagt, wenn man den historischen Rahmen des Bandes bedenkt, so erscheint der ruhige, sachliche und respektvolle Stil überaus erstaunlich. Und nur zwei Jahre nach seinem Erscheinen wurde Hitler zum Kanzler ernannt, wenig später wurden die Gleichschaltungsgesetze erlassen, was einschneidende Folgen auch für das gesamte Verlagswesen hatte, und als sichtbarstes Zeichen der Katastrophe fanden die Bücherverbrennungen statt.