Weibliche »Spukgeister« im frühen Druckgewerbe

Vor über einem Jahr hat mir ein befreundeter Buchdrucker diesen schönen Band geschenkt, den ich damals natürlich wegen des Themas und der Entstehungszeit – das Buch schien sich allgemein mit dem Buchdruck zu befassen und wurde in der Hochzeit des Deutschen Buchgewerbes, Anfang des 20. Jahrhunderts, gedruckt – gerne entgegengenommen habe. Von besonderem Reiz war oder ist aber seine hochwertige Ausstattung – Leineneinband mit Goldprägung, dreiseitiger Blauschnitt, Fadenheftung und hochwertiges, offenbar weitgehend holzfreies, leicht Chamois-farbenes Papier –, die schöne Gestaltung und der Satz aus einer Schwabacher. Der Druck erfolgte bei der renommierten Leipziger Druckerei Radelli & Hille, die unter anderem für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, für Verlage wie Eugen Diederichs und J. A. Barth oder eben auch für den Verband der Deutschen Buchdrucker gearbeitet hat, der jene Festschrift von 1916 herausgegeben hat (dazu s. den Beitrag ›Sachsens ältester aktiver Buchdrucker schwört immer noch auf Handarbeit‹ in: Journal für Druckgeschichte, N.F. 5 [1999] Nr. 4).

Krahl, Willi: Der Verband der Deutschen Buchdrucker: Fuenfzig Jahre deutsche gewerkschaftliche Arbeit mit einer Vorgeschichte. Berlin: Radelli & Hille, 1916

Da sich der Band auf den ersten Blick vor allem mit dem genannten Verband und seiner Geschichte zu befassen schien und auch allerlei Zahlen und statistische Auswertungen enthielt, drängte sich die Lektüren zunächst nicht gerade auf. Auf der Suche nach Informationen zur Stellung der Frau im graphischen Gewerbe im Zusammenhang mit einem Projekt des ›Vereins für die Schwarze Kunst‹ fiel mir der Band jedoch wieder ein. Bei nun sorgfältigerer Lektüre kamen dann neben Ausführungen zur Verbandsgeschichte auch hochinteressante Abschnitte etwa zur wirtschaftlichen und sozialen Geschichte und Organisation des Buchdrucks von der Zeit Gutenbergs bis ins 19. Jahrhundert sowie zum Ende des Postulats und dem Entstehen des ›Gautschens‹ als Übergangszeremonie vom Lehrling zum Gesellen zum Vorschein.

Krahl, Willi: Der Verband der Deutschen Buchdrucker: Fuenfzig Jahre deutsche gewerkschaftliche Arbeit mit einer Vorgeschichte. Berlin: Radelli & Hille, 1916

Von Frauen war aber weit und breit keine Rede, bis dann auf den Seiten 148f. ein langer Absatz auffiel, der mit folgendem, vielsagendem Satz eingeleitet wurde: »Frauenarbeit im Buchdruck- und Schriftgießergewerbe trat schon recht früh als Spukgeist auf.« Auch die weiteren Ausführungen sind von ähnlicher Geisteshaltung geprägt. Nachdem in den ersten zweieinhalb Jahrhunderten offenbar keine Frauen in Druckereien beschäftigt wurden, nutzten »im 18. Jahrhundert dagegen […] die Winkeldruckereien und Hudeleyen häufiger diesen Ausweg, weil ›redliche Gesellen‹ in denselben Kondition nicht annehmen durften«. Frauen kamen offenbar nur in kleineren Familienbetrieben zum Einsatz, denen keine »vollgültigen Druckereiinhaber« vorstanden. Anders hingegen in Schriftgießereien. Dort »scheint die Frauenarbeit aber nicht nur in Betrieben üblich gewesen zu sein, die in culpa (Verruf) standen. Sie beschränkte sich offenbar auch nicht auf die Tätigkeit von Hilfsarbeiterinnen im heutigen Sinne, […].« Stattdessen übernahmen Frauen dort jeden Arbeitsschritt, zumindest bis zur Einführung des industriellen Schriftgusses um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Letztlich habe man aber schon damals gewusst, »welches die Nachteile der Frauenarbeit gewesen wären. So spukte diese denn nur dann und wann in früherer Zeit«, da es wenig »Erwartungen auf billigere Produktion« gab. »Später aber waren mehr solcher Beglückungsversuche zu verzeichnen.« Spöttischer kann eine Missachtung kaum zum Ausdruck gebracht werden.

Tatsächlich sind aus der Frühzeit des Druckgewerbes nicht wenige Frauen als Druckerinnen bekannt. Allerdings handelt es sich in den Fällen um Frauen, die entweder als Ehefrauen in der Werkstatt mitarbeiteten, als Witwen die Druckerei fortführten oder von ihren Vätern ins Gewerbe eingearbeitet wurden und nach deren Tat etwa gemeinsam mit dem Faktor die Druckerei weiter betrieben. Laut E. Geck ist »Anna Rügerin in Augsburg […] die erste Frau, die 1484 im Kolophon eines deutschen Druckes genannt wurde« (Geck 1991, S. 40). Aus dem 16. Jahrhundert sind vor allem zwei Frauen als Leiterinnen einer Druckerei bekannt: Die eine war Magdalena Morhart, die nach 1554 die Offizin ihres verstorbenen Mannes Ulrich Morharts d.Ä., der damals führenden Druckerei in Württemberg, zusammen mit ihren beiden Söhnen aus erster Ehe, Oswald und Georg Gruppenwald, weiterführte.

Typisch für die damalige Zeit ist auch die Geschichte von Margaretha Prüß, der Tochter von Johann Prüß d.Ä., der einer der bedeutendsten Drucker Straßburgs war. Nach seinem Tod 1510 heiratete Margaretha Reinhard Beck, einen Angestellten ihres Vaters, der die Druckerei weiterführte. Nach dessen Tod 1521 heiratete wiederum deren gemeinsame Tochter Ursula den Drucker Wolfgang Forter und leitete selbständig die väterliche Druckerei, bis ihre Mutter Margaretha 1524 wiederum heiratete und mit ihrem zweiten Ehemann, dem ehemaligen Franziskaner Johann Schwan, die Druckerei fortführte. Auch nach dessen Tod heiratete Margaretha rasch wieder, 1527, und setzte die Arbeit der Offizin mit ihrem dritten Ehemann, Balthasar Beck, weiter fort.

Die Geschichten beider Frauen, Magdalena Morhart und Margaretha Prüß, sind auch heute offenbar noch so reizvoll, dass in den vergangegen Jahren zwei historische Romane über sie erschienen sind: ›Die Buchdruckerein‹ 2011 von Sabine Weiß über Margaretha Prüß und ›Die Herrin der Lettern‹ 2019 von Sophia Langner über Magdalena Morhart.

Während es Frauen in Deutschland u.a. durch den Zunftzwang lange Zeit unmöglich war, ihren Lebensunterhalt selbständig im Druckgewerbe zu erwirtschaften, sah die Situation im 18. und 19. Jahrhundert etwa in den liberaleren Vereinigten Staaten von Amerika oder in Frankreich nach der Revolution erheblich anders aus. Es gab Ausbildungsstätte für Setzerinnen, und berühmt ist auch Margherita Dall’Aglio Bodoni, die Frau Giambattista Bodonis, die dessen opus magnum, das Manuale Tipografico, fünf Jahre nach Bodonis veröffentlicht hat.

Insgesamt scheint die Rolle von Frauen in der frühen Druckindustrie zumindest von der deutschsprachigen Fachwelt aber noch unzureichend beachtet zu werden. Es gibt zwar einige Aufsätze zu dem Thema, aber umfangreiche Untersuchungen, Monographie sind dazu kaum bekannt. Die 1996 erschienene Habilitation von Brigitte Robak ›Vom Pianotyp zur Zeilensetzmaschine. Setzmaschinenentwicklung und Geschlechterverhältnis 1840–1900‹ beleuchtet zumindest die Verhältnisse vor allem im 19. Jahrhundert und weist auf den Wandel der Frauenarbeit durch die Einführung der Linotype- und Moonotype-Setzmaschienen hin. In dem 2016 von der Maximilian-Gesellschaft herausgegebenen Band ›Estermann, Monika; Schmidt, Frieder: Die Buchkultur im 19. Jahrhundert, Bd. 2,1: Zeitalter, Materialität, Gestaltung. Hamburg : Maximilian-Gesellschaft, 2016‹ wird das Thema hingegen noch nicht einmal gestreift. Zuletzt geht Dan Reynolds in seiner lesenswerten Dissertation zumindest auf wenigen Seiten auf die »dramatic gender imbalance« (Reynolds 2020, S. 39) im deutschen Druckgewerbe des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts ein.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Druckindustrie zumindest in Deutschland respektive in der BRD bis in den 1970er Jahren noch eine reine Männerdomäne war:

Gründe hierfür lagen neben den gesellschaftlichen Vorurteilen auch im Arbeits- und Gesundheitsschutz. So war Frauen z. B. der Umgang mit Blei im Satzbereich verboten. Aber auch der Umgang mit schweren Druckformen machte Frauen eine Tätigkeit als Druckerin nahezu unmöglich. Interessanterweise sind Frauen in Großbetrieben allerdings als billig bezahlte Hilfskräfte im Umfeld von Druckmaschinen und in der Weiterverarbeitung durchaus üblich gewesen und leisteten oft Schwerstarbeit z. B. beim Vorstapeln großformatiger Druck-
bogen.

Braml, Rainer; Krämer, Heike; Zentral-Fachausschuss Berufsbildung, Druck und Medien (Hrsg.): Vom Wandel der Berufe in der Druckindustrie. Kassel : MedienBildung VerlagsGmbH, 2019. S. 8

In den 1980er-Jahren entwickelte sich der prozentuale Anteil der Frauen indes endlich deutlich nach oben. 1985 waren in der BRD etwa 20% der Schriftsetzer Frauen, bei den Druckern war ihr Anteil mit 15% jedoch geringer (W. Dostal: Beschäftigungswandel in der Druckerei- und Vervielfältigungsindustrie […], in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 21. Jg./1988, S. 109) .

Literatur

  • Daniel John Andrew Reynolds: Schriftkünstler. A Historiographic Examination of the Relationship Between Handcraft and Art Regarding the Design and Making of Printers Type in Germany between 1871 and 1914. Braunschweig: Hochschule für Bildende Künste, 2020. S. 39–42
  • Sabine Koloch: Kommunikation, Macht, Bildung : Frauen im Kulturprozess der Frühen Neuzeit, Berlin: Akademie-Verlag, 2011. S. 39–42
  • Helga Hofmann-Weinberger: Die Witwen oder: Frauen im (österreichischen) Buchdruck, in: Frida, Verein zur Förderung und Vernetzung Frauenspezifischer Informations- & Dokumentationseinrichtungen in Österreich (Hrsg.): KolloquiA. Frauenbezogene, feministische Dokumentation und Informationsarbeit in Österreich, Materialien zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft 11. Wien: Verlag Österreich, 2001. S. 207–226
  • Albrecht Classen: Frauen als Buchdruckerinnen im deutschen Sprachraum des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Gutenberg-Jahrbuch 2000, Jg. 75. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 2000. S. 181–195
  • Martha W. Driver: Women Printers and the Page, 1477–1541, in: Gutenberg-Jahrbuch 1998, Jg. 73. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 1998. 139–153
  • Brigitte Robak: Vom Pianotyp zur Zeilensetzmaschine. Setzmaschinenentwicklung und Geschlechterverhältnis 1840–1900. Marburg: Jonas-Verlag, 1996
  • E. Geck in: Lexikon des gesamten Buchwesens, 2. Aufl. Bd. 3. Stuttgart: Hiersemann 1991. S. 40 f. s.v. Frauen im Druckgewerbe (Lit.)
  • Beatrice Hibbard Beech: Women Printers in Paris in the Sixteenth Cantury, in: Medieval Prasopography 10 (1989). S. 75–93
  • Leona M. Hudak: Early American Women Printers and Publishers, 1639–1820. Metuchen, N.Y.: Scarecrow Press, 1978
  • Susan V. Linkey: Printers’ Wife in the Age of Humanism, in: Gutenberg-Jahrbuch 1975, Jg. 50. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 1975. S. 331–337
  • Annemarie Meiner: Die Frauen im Druckgewerbe, in: Gutenberg-Jahrbuch 1933, Jg. 8. Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 1933. S. 333–343
  • Otto Bettmann: Frauen im Buchgewerbe, in: Archiv für Buchgewerbe 68 (1931). S. 65–71

Hans von Weber und ›das gute Buch‹

Zu den Ausführungen von Hans Peter Willberg (s.u.) passt vorzüglich ein Text von Hans von Weber (1872–1924), einem der eigenwilligsten und künstlerisch ambitioniertesten deutschen Verleger des frühen 20. Jahrhunderts, den er 1913 in seiner Zeitschrift ›Der Zwiebelfisch. Eine kleine Zeitschrift für Geschmack in Büchern und anderen Dingen‹ veröffentlicht hat. Im Unterschied zu seinem ersten bibliophilen und buchkünstlerisch aufwendigen Zeitschriften-Projekt, ›Hyperion‹, war dem ›Zwiebelfisch‹ eine erheblich längere Lebenszeit beschert. Er wurde erst 1934, nach von Webers Tod, eingestellt.

Von Webers kurze Einführung in die ›Faschingsausgabe‹ ist denn auch charakteristisch für den im ›Zwiebelfisch‹ gepflegten Tonfall:

Dieses kleine Vademecum ist genauso unpünktlich wie der ›Zwiebelfisch‹ selbst: ein Faschingsheft, das nach den Fasten erscheint! Aber da an ihm schließlich alles ungehörig ist [was nicht korrekt ist, s.u.], sowohl die Art, wie es die Kollegen seines Verlegers nicht nur, sondern auch diesen selbst behandelt, als auch die Direktionslosigkeit, mit der es die unpassendsten Schriften wild durcheinander anwendet, möge, wie man oft ja gerade die ungezogensten Kinder am liebsten hat, auch ihm in Bausch und Bogen verziehen werden!

Hans von Weber (Hrsg.): Das kleine Zwiebelfisch-Kulturkratzbürsten-Vademecum. München: Hyperionverlag, 1913. S. 4

Beispielhaft für die skizzierte Verfahrensweise im ›Zwiebelfisch‹ ist von Webers spöttischer Beitrag zur Trennung des »Zwillingspaars« Ernst Rowohlt und Kurt Wolff 1912, der mit Karikaturen von Emil Preetorius illustriert ist.

Doch zurück zum ›guten Buch‹: Gleichsam in der Nachfolge von William Morris (s. den Beitrag ›Buchkunstbewegung um 1900‹), stilistisch aber abweichend vom eher humoristischen Tonfall der übrigen Beiträge beschreibt von Weber in dem Text sehr klar die für ihn wesentlichen und erstrebenswerten Merkmale eines ›guten Buches‹ in Bezug auf das Papier, den Druck, den Satz, den Einband und den Buchschmuck. Mit Ausnahme natürlich seiner Bemerkungen zur für den Buchdruck typischen Schattierung, dem durch den Eindruck der Typen in das Papier auf der Rückseite desselben fühlbaren und nicht selten auch sichtbaren Relief oder Prägung, sind seine Bemerkungen grundsätzlich nach wie vor gültig.

Literatur:

  • Schulte Strathaus, Ernst; von Weber, Wolfgang: Hans von Weber und seine Hundertdrucke, in: Sarkowski, H.; Hack, B. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. N.F. 6. Frankfurt a.M.: Gesellschaft der Bibliophilen, 1969. S. 132–133
  • Schauer, Georg Kurt: Die Deutsche Buchkunst. 1890 bis 1960. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 1963. S. 103
  • Bachmair, Heinrich F. S.: Drei Außenseiter: Julius Zeitler, Hans von Weber, Der Tempel-Verlag, in: Buchenau, S.; Bauer, K. F. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. 9. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1940. S. 74–75. 78

Buchkunstbewegung um 1900

Und wieder ein erfreulicher Zufallsfund, diesmal jedoch im Antiquariat von Friedrich Welz, der seinen Laden leider vor kurzem geschlossen hat: https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-friedrich-welz-schliesst-nach-fast-40-jahren-sein-antiquariat-_arid,583446.html.

In dem 1901 bei Hermann Seemann Nachfolger verlegten Sammelband sind drei sehr lesenswerte Beiträge in deutscher Übersetzung abgedruckt, die William Morris, Emery Walker, Thomas James Cobden-Sanderson und Reginald Blomfield 1893 zu den Themen ›Printing‹, ›Bookbinding‹ und ›Of Book Illustration and Book Decoration‹ in den Arts and Crafts Essays veröffentlicht hatten.

Das zeigt – wie z.B. auch die von Peter Jessen organisierten Ausstellungen in Berlin –, dass die Reformideen des Arts and Crafts Movement und die damit verbundenen Bemühungen von Morris, Walker und Cobden-Sanderson um eine Erneuerung der Buchkunst in Deutschland erst mit einer gewissen Verzögerung rezipiert wurden.

Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. Titel
Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. S. 1