Ein schöner Homer

Marcus Behmer spielte bei der Ausstellung »›Wie ein fruchtbarer Regen nach langer Dürre …‹. Buchkunst des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland«, die von Mai 2018 bis Anfang 2019 in der Heidelberger Universitätsbibliothek gezeigt wurde, selbstverständlich eine große Rolle. Es wurden mit Oscar Wildes ›Salome‹ und Honoré de Balzacs ›Das Mädchen mit den Goldaugen‹, 1903 und 1904 jeweils im Insel-Verlag erschienen, auch zwei seiner frühesten Buchprojekte gezeigt, zu denen er Doppeltitel, Zeichnungen und Buchschmuck beigesteuert hat.

Homers Ilias und Odyssee. 5. und 6. Behmer-Druck. Berlin: Askanischer Verlag, 1923/24 (Titel)

Wer diese und andere buchkünstlerischen, typographischen Arbeiten von ihm gesehen hat, der wird den Namen nicht mehr vergessen. So war es nur selbstverständlich, dass ich ein Angebot der von Behmer gestalteten und in seiner Schrift gesetzten homerischen Epen, der Ilias und der Odysee, nicht abschlagen konnte, auch wenn ich mich wegen der Voßschen Übersetzung zunächst sträubte. Nicht nur als Heidelberger Absolvent sind mir die Übersetzungen durch Roland Hampe lieber. Aber hier hat die Freude am schönen Buch und seiner Typographie am Ende obsiegt.

Bei den beiden Bänden handelt es sich um das fünfte und sechste Buch der ›Behmer-Drucke‹, die in den Jahren 1923 und 1924 bei der renommierten Berliner Druckerei Otto von Holten gedruckt und mit Holzschnitten von Ludwig von Hoffmann ausgestattet wurden. Gesetzt wurde der Text, wie geschrieben, aus der bei Klingspor geschnittenen Antiqua von Behmer, der auch die Aufsicht über die Gesamtgestaltung innehatte. Verlegt wurden beide Bände im Askanischen Verlag.

Alle vier Beteiligte – Illustrator, Verlag, Gestalter und Druckerei – hat Behmer in der für ihn typischen Art als Anagramm in einer goldgeprägten Vignette, gestaltet aus den Initialen ›LvH‹, ›AV‹, ›MB‹ und ›OvH‹, auf dem Hinterdeckel zusätzlich gewürdigt.

Homers Ilias und Odyssee. 5. und 6. Behmer-Druck. Berlin: Askanischer Verlag, 1923/24 (Einband)

Literatur

  • Hall, Peter Christian: Delphine in Offenbach – Marcus Behmer. Meister der kleinen Formate, Katalog zur Ausstellung im Klingspor Museum zu Offenbach vom 12. Juli bis 2. September 2018. Offenbach: Klingspor-Museum, 2018
  • Jensen, Bernhard: Ein Kanon der jüdischen Renaissance. Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches. Göttingen: Wallstein Verlag, 2017. S. 72–74 und passim
  • Haucke, Marcus (Hrsg.): Marcus Behmer – Aquarelle, Bücher, Graphik, Exlibris, Neujahrswünsche, „Täfele“, Zeichnungen. Katalog der Ausstellung mit den Verzeichnissen der Schriften, der illustrierten Bücher und originalgraphischen Beiträge, der Mappen und der Neujahrswünsche u.a., Katalog Antiquariat Marcus Haucke. Berlin : Galerie im Antiquariat Marcus Haucke, 2001
  • Homeyer, Fritz: Erinnerungen an Marcus Behmer, Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde NF. IV, 1963/64, S. 67–74
  • Rodenberg, Julius: Deutsche Pressen. Eine Bibliographie. Wien: Amalthea-Verlag, 1925. S. 244
  • Loubier, Hans: Die neue deutsche Buchkunst. Stuttgart: Krais, 1921. S. 70–73

Hans von Weber und ›das gute Buch‹

Zu den Ausführungen von Hans Peter Willberg (s.u.) passt vorzüglich ein Text von Hans von Weber (1872–1924), einem der eigenwilligsten und künstlerisch ambitioniertesten deutschen Verleger des frühen 20. Jahrhunderts, den er 1913 in seiner Zeitschrift ›Der Zwiebelfisch. Eine kleine Zeitschrift für Geschmack in Büchern und anderen Dingen‹ veröffentlicht hat. Im Unterschied zu seinem ersten bibliophilen und buchkünstlerisch aufwendigen Zeitschriften-Projekt, ›Hyperion‹, war dem ›Zwiebelfisch‹ eine erheblich längere Lebenszeit beschert. Er wurde erst 1934, nach von Webers Tod, eingestellt.

Von Webers kurze Einführung in die ›Faschingsausgabe‹ ist denn auch charakteristisch für den im ›Zwiebelfisch‹ gepflegten Tonfall:

Dieses kleine Vademecum ist genauso unpünktlich wie der ›Zwiebelfisch‹ selbst: ein Faschingsheft, das nach den Fasten erscheint! Aber da an ihm schließlich alles ungehörig ist [was nicht korrekt ist, s.u.], sowohl die Art, wie es die Kollegen seines Verlegers nicht nur, sondern auch diesen selbst behandelt, als auch die Direktionslosigkeit, mit der es die unpassendsten Schriften wild durcheinander anwendet, möge, wie man oft ja gerade die ungezogensten Kinder am liebsten hat, auch ihm in Bausch und Bogen verziehen werden!

Hans von Weber (Hrsg.): Das kleine Zwiebelfisch-Kulturkratzbürsten-Vademecum. München: Hyperionverlag, 1913. S. 4

Beispielhaft für die skizzierte Verfahrensweise im ›Zwiebelfisch‹ ist von Webers spöttischer Beitrag zur Trennung des »Zwillingspaars« Ernst Rowohlt und Kurt Wolff 1912, der mit Karikaturen von Emil Preetorius illustriert ist.

Doch zurück zum ›guten Buch‹: Gleichsam in der Nachfolge von William Morris (s. den Beitrag ›Buchkunstbewegung um 1900‹), stilistisch aber abweichend vom eher humoristischen Tonfall der übrigen Beiträge beschreibt von Weber in dem Text sehr klar die für ihn wesentlichen und erstrebenswerten Merkmale eines ›guten Buches‹ in Bezug auf das Papier, den Druck, den Satz, den Einband und den Buchschmuck. Mit Ausnahme natürlich seiner Bemerkungen zur für den Buchdruck typischen Schattierung, dem durch den Eindruck der Typen in das Papier auf der Rückseite desselben fühlbaren und nicht selten auch sichtbaren Relief oder Prägung, sind seine Bemerkungen grundsätzlich nach wie vor gültig.

Literatur:

  • Schulte Strathaus, Ernst; von Weber, Wolfgang: Hans von Weber und seine Hundertdrucke, in: Sarkowski, H.; Hack, B. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. N.F. 6. Frankfurt a.M.: Gesellschaft der Bibliophilen, 1969. S. 132–133
  • Schauer, Georg Kurt: Die Deutsche Buchkunst. 1890 bis 1960. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 1963. S. 103
  • Bachmair, Heinrich F. S.: Drei Außenseiter: Julius Zeitler, Hans von Weber, Der Tempel-Verlag, in: Buchenau, S.; Bauer, K. F. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. 9. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1940. S. 74–75. 78

Schönheit in Krisenzeiten

Ein neuer hübscher Fund im Bücherregal, der zeigt, dass ›Kulturverleger‹ (s. auch https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/steinen1912/0005) wie Samuel Fischer auch in Krisenzeiten – der Band wurde 1917 hergestellt – Wert auf eine ansprechende Gestaltung und gute Verarbeitung ihrer Bücher legten. Alleredings wurde im vorliegenden Fall mit etwas zu viel Druck gedruckt, und es musste auf »Papier mit Holzschliffzusatz« zurückgegriffen werden – oder ist das der Grund für die relativ starke Schattierung? –, wobei ihm die angeblich mindere Papierqualität auch nach über 103 Jahren nicht anzusehen ist.

Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Einband
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Vorsatz
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Impressum
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. S. 126 f.

Buchkunstbewegung um 1900

Und wieder ein erfreulicher Zufallsfund, diesmal jedoch im Antiquariat von Friedrich Welz, der seinen Laden leider vor kurzem geschlossen hat: https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-friedrich-welz-schliesst-nach-fast-40-jahren-sein-antiquariat-_arid,583446.html.

In dem 1901 bei Hermann Seemann Nachfolger verlegten Sammelband sind drei sehr lesenswerte Beiträge in deutscher Übersetzung abgedruckt, die William Morris, Emery Walker, Thomas James Cobden-Sanderson und Reginald Blomfield 1893 zu den Themen ›Printing‹, ›Bookbinding‹ und ›Of Book Illustration and Book Decoration‹ in den Arts and Crafts Essays veröffentlicht hatten.

Das zeigt – wie z.B. auch die von Peter Jessen organisierten Ausstellungen in Berlin –, dass die Reformideen des Arts and Crafts Movement und die damit verbundenen Bemühungen von Morris, Walker und Cobden-Sanderson um eine Erneuerung der Buchkunst in Deutschland erst mit einer gewissen Verzögerung rezipiert wurden.

Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. Titel
Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. S. 1