Hans von Weber und ›das gute Buch‹

Zu den Ausführungen von Hans Peter Willberg (s.u.) passt vorzüglich ein Text von Hans von Weber (1872–1924), einem der eigenwilligsten und künstlerisch ambitioniertesten deutschen Verleger des frühen 20. Jahrhunderts, den er 1913 in seiner Zeitschrift ›Der Zwiebelfisch. Eine kleine Zeitschrift für Geschmack in Büchern und anderen Dingen‹ veröffentlicht hat. Im Unterschied zu seinem ersten bibliophilen und buchkünstlerisch aufwendigen Zeitschriften-Projekt, ›Hyperion‹, war dem ›Zwiebelfisch‹ eine erheblich längere Lebenszeit beschert. Er wurde erst 1934, nach von Webers Tod, eingestellt.

Von Webers kurze Einführung in die ›Faschingsausgabe‹ ist denn auch charakteristisch für den im ›Zwiebelfisch‹ gepflegten Tonfall:

Dieses kleine Vademecum ist genauso unpünktlich wie der ›Zwiebelfisch‹ selbst: ein Faschingsheft, das nach den Fasten erscheint! Aber da an ihm schließlich alles ungehörig ist [was nicht korrekt ist, s.u.], sowohl die Art, wie es die Kollegen seines Verlegers nicht nur, sondern auch diesen selbst behandelt, als auch die Direktionslosigkeit, mit der es die unpassendsten Schriften wild durcheinander anwendet, möge, wie man oft ja gerade die ungezogensten Kinder am liebsten hat, auch ihm in Bausch und Bogen verziehen werden!

Hans von Weber (Hrsg.): Das kleine Zwiebelfisch-Kulturkratzbürsten-Vademecum. München: Hyperionverlag, 1913. S. 4

Beispielhaft für die skizzierte Verfahrensweise im ›Zwiebelfisch‹ ist von Webers spöttischer Beitrag zur Trennung des »Zwillingspaars« Ernst Rowohlt und Kurt Wolff 1912, der mit Karikaturen von Emil Preetorius illustriert ist.

Doch zurück zum ›guten Buch‹: Gleichsam in der Nachfolge von William Morris (s. den Beitrag ›Buchkunstbewegung um 1900‹), stilistisch aber abweichend vom eher humoristischen Tonfall der übrigen Beiträge beschreibt von Weber in dem Text sehr klar die für ihn wesentlichen und erstrebenswerten Merkmale eines ›guten Buches‹ in Bezug auf das Papier, den Druck, den Satz, den Einband und den Buchschmuck. Mit Ausnahme natürlich seiner Bemerkungen zur für den Buchdruck typischen Schattierung, dem durch den Eindruck der Typen in das Papier auf der Rückseite desselben fühlbaren und nicht selten auch sichtbaren Relief oder Prägung, sind seine Bemerkungen grundsätzlich nach wie vor gültig.

Literatur:

  • Schulte Strathaus, Ernst; von Weber, Wolfgang: Hans von Weber und seine Hundertdrucke, in: Sarkowski, H.; Hack, B. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. N.F. 6. Frankfurt a.M.: Gesellschaft der Bibliophilen, 1969. S. 132–133
  • Schauer, Georg Kurt: Die Deutsche Buchkunst. 1890 bis 1960. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 1963. S. 103
  • Bachmair, Heinrich F. S.: Drei Außenseiter: Julius Zeitler, Hans von Weber, Der Tempel-Verlag, in: Buchenau, S.; Bauer, K. F. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. 9. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1940. S. 74–75. 78

Götter, Gräber und Gelehrte

Heute im öffentlichen Bücherregal gefunden: eine sehr gut erhaltene Ausgabe aus dem Jahr 1957 von C. W. Cerams (alias Kurt Wilhelm Marek) erstmals 1949 erschienenen Klassiker ›Götter, Gräber und Gelehrte‹. Für mich ist es immer noch eines der am besten lesbaren nicht-wissenschaftlichen Bücher zum Thema ›Archäologie‹, vor allem wenn man bedenkt, unter welchen Umständen Marek das Buch wenige Jahre nach Kriegsende geschrieben hat.

Allein das Vorwort ist lesenswert. So heißt es etwas kokett oder doch sehr ehrlich bereits auf den ersten beiden Seiten:

»Ich rate dem Leser, das Buch nicht auf der ersten Seite zu beginnen. Ich tue das deshalb, weil ich weiß, wie wenig die überzeugteste Versicherung des Autors verfängt, daß er einen außerordentlich interessanten Stoff vorzutragen habe, wie wenig besonders dann, wenn der Titel einen Roman der Archäologie verspricht, der Altertumskunde, von der jedermann überzeugt ist, daß sie eine der trockensten und langweiligsten Wissenschaften sei.

[…]

Unser Buch ist ohne wissenschaftliche Ambitionen geschrieben. Vielmehr wurde nur versucht, eine bestimmte Wissenschaft derart zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, daß die Arbeit der Forscher und Gelehrten vor allem in ihrer inneren Spannung, ihrer dramatischen Verknüpfung, ihrem menschlichen Gebundensein sichtbar wurde. Dabei durfte die Abschweifung nicht gescheut werden, ebensowenig wie die persönliche Reflexion und die Herstellung aktueller Bezogenheit. Dadurch ist ein Buch entstanden, das der Wissenschaftler ›unwissenschaftlich‹ nennen muß.

Ich habe dafür nur eine Entschuldigung, daß dies genau in meiner Absicht lag. Denn ich fand, daß diese reiche Wissenschaft, in deren Taten sich Abenteuer und Stubenfleiß, romantischer Aufbruch und geistige Selbstbescheidung paarten, in der die Tiefe aller Zeiten und die Weite globalen Raumes ausgeschritten wurde, in Fachpublikationen begraben worden war. Wie hoch auch immer der wissenschaftliche Wert dieser Publikationen war – sie waren keineswegs dazu geschrieben, ›gelesen‹ zu werden. […]

Trotz der jeder reinen Deskription abholden Methode, die mir hier die Feder führte, bin ich in höchstem Grade der reinen archäologischen Wissenschaft verpflichtet. Wie könnte es anders sein – das Buch ist ein Loblied auf ihre Ergebnisse, ihren Scharfsinn, ihre Unermüdlichkeit; auf die Forscher selbst vor allem, die meist nur aus echter Bescheidenheit verschwiegen, was – weil es des Nacheiferns wert ist – der Verkündung bedarf. […]. Der ›Roman der Archäologie‹ ist ein Roman im barocken Sinn, insofern er im ältesten Sinn romantische (der Realität durchaus nicht widersprechende) Ereignisse und Lebensläufe erzählt.

Aber er ist ein ›Tatsachenroman‹, und das will im vorliegenden Fall im allerstrengsten Sinne heißen: Alles, was hier erzählt wird, ist nicht etwa nur an Tatsachen geknüpft (und von der Phantasie des Autors ausgeschmückt), sondern ist im einwandfreiesten Sinn allein aus Tatsachen zusammengefügt (zu denen die Phantasie des Autors auch nicht das kleinste Ornament hinzufügte, sofern dies Ornament nicht ebenfalls von der Zeitgeschichte geliefert wurde).Dennoch bin ich überzeugt, daß der Fachwissenschaftler, der dies Buch in die Hand bekommt, Fehler in ihm entdecken wird. […]«

Das Buch und seine bis 1957 über 500.000 verkauften Exemplare haben nicht unwesentlich zur Wiederbelebung des Verlags nach dem Krieg beigetragen. Zur wirklich erstaunlichen Entstehungs- und Erfolgsgeschichte des Buches sowie zu Kurt W. Marek gibt es einen aufschlussreichen Beitrag in der 2008 erschinenen Chronik des Verlags: Gieselbusch, Hermann; Moldenhauer, Dirk; Naumann, Uwe; Töteberg, Michael: 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. S. 159–165. Der Untertitel des Kapitels ist eindeutig: ›Ein Lektor schreibt einen Bestseller und saniert den Verlag‹Geschichte des Buches; s. auch https://www.fr.de/kultur/literatur/wieder-11561241.html