Bibliophile Kleinode nicht nur für die Tasche

Was kommt heraus, wenn sich versierte Graphiker mit der typographischen Geschichte befassen und sich von vergangenen ›Perlen‹ der Buchgestaltung inspirieren lassen? Schöne Bücher für den schmalen Geldbeutel. So geschehen bei der vom Deutschen Taschenbuch Verlag in Zusammenarbeit mit C.H.Beck 2005 ins Leben gerufenen Taschenbuchreihe ›Kleine Bibliothek der Weltweisheit‹, deren Einbände vom renommierten englischen Gestalter David Pearson entworfen wurden.

Auswahl aus ›Kleine Bibliothek der Weltweisheit. München: dtv und C.H.Beck (2005–)‹
Auswahl aus ›Kleine Bibliothek der Weltweisheit. München: dtv und C.H.Beck (2005–)‹

Pearsons Stil ist wesentlich typographisch, durch die Schrift inspiriert: »It is certainly revivalist, which is another way of saying that I steal from the past. typography is almost always the main ingredient and this, along with a limited colour palette, tends to give my work a unified look.« (Interview im Magazin ›designboom‹ am 21.1.2014: https://www.designboom.com/design/interview-with-graphic-designer-david-pearson-01-21-2014/).

Und so ist Pearson anscheinend auch bei den Umschlägen der dtv-Reihe vorgegangen, die mit mehr oder weniger engen Bezügen zu historischen Schriften und Büchern spielen und diese in eine reizvolle Gestaltung umsetzen: So hat Pearson beim Epikur-Band, dem griechischen Philosophen des 4./3. Jahrhunderts v.Chr., zwar Buchstabenformen griechischer Inschriften aufgegriffen, aber sie gehen mehrheitlich nicht auf solche der hellenistischen Zeit zurück, sondern der Archaik, also des 7. und 6. Jahrhunderts v.Chr. In dem Fall war ihm vermutlich der typographische Reiz der Lettern wichtiger als eine historische Präzision.

Epikur: Philosophie des Glücks, Kleine Bibliothek der Weltweisheit. Bd. 13. München: dtv und C.H.Beck, 2011; Basis der ›Antenorkore‹, Athen, Akropolismus., spätes 6. Jh. v.Chr. und Statuenbasis der Kleiokrateia, Athen, Agoramus., Mitte 4. Jh. v.Chr.
Bildquellen: Payne, H.; Mackworth-Young, G.: Archaic Marble Sculpture From the Acropolis. New and rev. ed. London: The Cresset Press, 1950. Taf. 124,5 (Antenorkore) und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AGMA_Base_Kleiokrateia.jpg (Kleiokrateia-Basis)

Anders bei der Gestaltung des Bandes von Marc Aurels ›Selbstbetrachtungen‹. Bei ihm hat sich Pearson offenbar an ungefähr zeitgenössische Schriften des Kaiserphilosophen orientiert, in dem er die Capitalis Monumentalis öffentlicher Inschriften des 2. Jahrhunderts übernahm, wie z.B. jene der Traians-Säule.

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Inschrift_der_Trajanss%C3%A4ule.jpg

Für den Umschlag des Bandes ›Michel de Montaigne: Von der Freundschaft‹ übernahm Pearson wiederum konkret eine zeitgenössische Vorlage, die mit Montaigne selbst indes wenig zu tun hat: Es handelt sich um den Titel einer deutschen Übersetzung von Ovids Metamorphosen ›P. Ovidii Metamorphosis, Oder: Wunderbarliche vnnd seltzame Beschreibung, von der Menschen, Thiern, vnd anderer Creaturen veränderung, auch von dem Wandeln, Leben und Thaten der Götter, Martis, Venerii und Mercurii, etc‹, gedruckt und verlegt in Frankfurt a.M 1581 von Sigmund Feyerabend.

Bildquelle: https://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087854/image_5

Ein engerer historischer Bezug ist beim Boethius-Band augenfällig: Der römische Gelehrte und Politiker Boethius wirkte vor allem während der Herrschaft des Ostgotenkönigs Theoderich den Großen, also im frühen 6. Jahrhundert. Auf seinem Einband zitiert Pearson treffend die Rundbogen-Arkaden, die jeweils den unteren Rand der Seiten der ›Wulfila-Bibel‹ respektive des Codex Argenteus zieren, der Anfang des 6. Jahrhunderts in Norditalien, möglicherweise in Ravenna für Theoderich, entstanden ist. Zudem sind die Buchstaben des Titels der dort verwendeten ›gotischen Schrift‹ nachgebildet.

Bildquelle: http://www.alvin-portal.org/alvin/imageViewer.jsf?dsId=ATTACHMENT-0015&pid=alvin-record%3A60279&dswid=-3051

Und schließlich lehnt sich Pearson bei der Gestaltung der beiden Nietzsche-Bände – ›Also sprach Zarathustra‹ und ›Ecce Homo‹ – sehr eng an die beiden berühmten Ausgaben an, die Henry van de Velde 1908 für den Insel-Verlag gestaltet hat. Beim ›Ecce Homo‹ diente der Doppeltitel als Vorbild, beim ›Zarathustra‹ der vordere Einbanddeckel.

Nietzsche, Ecce homo
Bildquelle: https://www.lot-tissimo.com/de-de/auction-catalogues/christian-hesse-auktionen/catalogue-id-srchristia10005/lot-167e1e45-ae26-4c55-8d80-a76100dff079
Nietzsche, Also sprach Zarathustra
Bildquelle: Brinks, John Dieter: Denkmal des Geistes. Die Buchkunst Henry Van de Veldes. Laubach: Triton-Verlag, 2007. S. 426 Abb. 179

Soweit einige Beispiele der typographischen Bezüge. Ein weiterer Clou der Umschläge ist aber, dass die Schriften auf den Vorderdeckeln nicht einfach gedruckt wurden, sondern sie sind zweifarbig rot und schwarz vertieft geprägt, was der Handhabung der Bände einen besonderen Reiz verleiht. Insofern ist die Ausstattung schon fast zu edel für ein Taschenbuch, oder, positiv formuliert, sie sind es durchaus wert, auch ins Bücherregal gestellt zu werden.

Hans von Weber und ›das gute Buch‹

Zu den Ausführungen von Hans Peter Willberg (s.u.) passt vorzüglich ein Text von Hans von Weber (1872–1924), einem der eigenwilligsten und künstlerisch ambitioniertesten deutschen Verleger des frühen 20. Jahrhunderts, den er 1913 in seiner Zeitschrift ›Der Zwiebelfisch. Eine kleine Zeitschrift für Geschmack in Büchern und anderen Dingen‹ veröffentlicht hat. Im Unterschied zu seinem ersten bibliophilen und buchkünstlerisch aufwendigen Zeitschriften-Projekt, ›Hyperion‹, war dem ›Zwiebelfisch‹ eine erheblich längere Lebenszeit beschert. Er wurde erst 1934, nach von Webers Tod, eingestellt.

Von Webers kurze Einführung in die ›Faschingsausgabe‹ ist denn auch charakteristisch für den im ›Zwiebelfisch‹ gepflegten Tonfall:

Dieses kleine Vademecum ist genauso unpünktlich wie der ›Zwiebelfisch‹ selbst: ein Faschingsheft, das nach den Fasten erscheint! Aber da an ihm schließlich alles ungehörig ist [was nicht korrekt ist, s.u.], sowohl die Art, wie es die Kollegen seines Verlegers nicht nur, sondern auch diesen selbst behandelt, als auch die Direktionslosigkeit, mit der es die unpassendsten Schriften wild durcheinander anwendet, möge, wie man oft ja gerade die ungezogensten Kinder am liebsten hat, auch ihm in Bausch und Bogen verziehen werden!

Hans von Weber (Hrsg.): Das kleine Zwiebelfisch-Kulturkratzbürsten-Vademecum. München: Hyperionverlag, 1913. S. 4

Beispielhaft für die skizzierte Verfahrensweise im ›Zwiebelfisch‹ ist von Webers spöttischer Beitrag zur Trennung des »Zwillingspaars« Ernst Rowohlt und Kurt Wolff 1912, der mit Karikaturen von Emil Preetorius illustriert ist.

Doch zurück zum ›guten Buch‹: Gleichsam in der Nachfolge von William Morris (s. den Beitrag ›Buchkunstbewegung um 1900‹), stilistisch aber abweichend vom eher humoristischen Tonfall der übrigen Beiträge beschreibt von Weber in dem Text sehr klar die für ihn wesentlichen und erstrebenswerten Merkmale eines ›guten Buches‹ in Bezug auf das Papier, den Druck, den Satz, den Einband und den Buchschmuck. Mit Ausnahme natürlich seiner Bemerkungen zur für den Buchdruck typischen Schattierung, dem durch den Eindruck der Typen in das Papier auf der Rückseite desselben fühlbaren und nicht selten auch sichtbaren Relief oder Prägung, sind seine Bemerkungen grundsätzlich nach wie vor gültig.

Literatur:

  • Schulte Strathaus, Ernst; von Weber, Wolfgang: Hans von Weber und seine Hundertdrucke, in: Sarkowski, H.; Hack, B. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. N.F. 6. Frankfurt a.M.: Gesellschaft der Bibliophilen, 1969. S. 132–133
  • Schauer, Georg Kurt: Die Deutsche Buchkunst. 1890 bis 1960. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 1963. S. 103
  • Bachmair, Heinrich F. S.: Drei Außenseiter: Julius Zeitler, Hans von Weber, Der Tempel-Verlag, in: Buchenau, S.; Bauer, K. F. (Hrsg.): Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Bd. 9. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1940. S. 74–75. 78

Was ist ein Buch?

Das ist das Schöne an Büchregalen: Man lässt den Blick an den Buchrücken entlang schweifen, ohne etwas Bestimmtes zu suchen, und findet dann wieder einen Schatz aus vergangenen Zeiten. So geschehen vor wenigen Tagen, und der Schatz ist diesmal das schöne Buch von Hans Peter Willberg ›Das Buch ist ein sinnliches Ding‹ von 1993 über die Arbeit des Herstellers oder Künstlerischen Leiters am Buch und seine Liebe zum Buch.

Für mich ist es eine der treffendsten, aufschlussreichsten Publikationen zum Thema ›Buch versus Rechner oder Bildschirm‹, vor allem der Abschnitt ›Das Buch ist eine Ware‹:

Das Lied von Herstellungsleitern und Verlegern: ›Ein Buch ist eine Ware wie jede andere, sie folgt den Gesetzen des Marktes. […]‹

Wenn das so ist, wenn das wirklich stimmt – das wäre der Tod des Buches.

Nein, ›das Buch‹ ist nicht eine Ware wie jede andere, es ist eine Ware sui generis. Es hat gegenüber den sogenannten ›neuen Medien‹ Eigenarten, die es unvergleichlich machen. Ich sage nicht ›Vorteile‹, ich sage Eigenarten. Es geht nicht darum, wer überlegen ist, es geht um die Unterschiede. Diese Eigenarten gilt es zu kultivieren, ins Bewußtsein zu bringen.

Hans Peter Willberg: Das Buch ist ein sinnliches Ding. Den Büchermachern in die Schule geplaudert, Quodlibet!. Leck: Clausen & Bosse, 1993. S. 75

Eine bessere Charakterisierung des Buches kenne ich nicht.

Und dann seine wichtige Anmerkung zum Preis eines Buches:

Bücher sind billig, paßt nicht ganz zum Thema, sei aber dennoch angebracht. Was kostet ein Paar Schuhe, was gibt man für ein T-Shirt aus, eine Bluse, gar für die aktuelle Kleidung für den aktuellen Sport? Unsere Lokale sind Abend für Abend voll besetzt. Welches Paar kommt mit einer Rechnung unter 50,– DM heraus? Ein Theaterbesuch, ein Meisterkonzert oder nur die Gebühr fürs Parkhaus: Bücher sind billig!

Ebenda S. 77

Ich bin geneigt zu sagen: Manchmal zu billig, im Vergleich zum Wert manch anderer ›Waren‹.

Lexika während der NS-Zeit

Apropos 20 Jahre Wikipedia (dazu s. etwa die Dokumentation ›Das Wikipedia-Versprechen‹ sowie die Zusammenstellung relevanter Beiträge im Perlentaucher und in der Wikipedia-Presseschau): Das Phänomen, dass von Außen, von staatlicher, politischer oder wirtschaftlicher Seite versucht wurde, auf die inhaltliche Ausrichtung von Lexika Einfluss zu nehmen, ist so alt wie die Publikationsart selbst. Lexika oder Enzyklopädien trugen auch in der Vergangenheit in hohem Maß zur Meinungsbildung bei, weshalb auch früher, vor allem natürlich in Diktaturen, bei den entsprechende Verlagen versucht wurde, das dort vermittelte Geschichts- und Gesellschaftsbild zu beeinflussen. Deutlich wird das zum Beispiel bei den beiden letzten vor dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Lexika-Ausgaben des Brockhaus-Verlags und des Bibliographischen Instituts.

Die Machtübernahme der Nazis 1933 hatte bekanntlich schnell weitreichende Folgen für alle Kultur- und Wirtschaftsbetriebe und damit auch für das Verlagswesen. Innerhalb kürzester Zeit gelang es der NSDAP ein über Jahrhunderte gewachsenes, hoch komplexes und weitgefächertes System unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Partei bestimmte weitgehend, was veröffentlicht werden durfte.

So geschah es eben auch bei den beiden bedeutendsten deutschsprachigen Lexika. Während die Artikel der von 1928 bis 1935 erschienenen 15. Auflage des Großen Brockhaus noch weitgehend sachlich und neutral bleiben – das betrifft auffälligerweise auch jene Lemmata, die in besonderem Maße inhaltlich für die NS-Propaganda relevant waren, etwa über Hitler und andere Nationalsozialisten oder über die NSDAP, Juden oder Konzentrationslager– ist in dem bereits 1935 erschienenen Ergänzungsband jeder dafür gleichsam geeignete Artikel geradezu durchsetzt von Nazi-Ideologie. Hier ist der Einfluss der 1934 geschaffenen ›Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums‹ (PPK) überdeutlich festzustellen. Zum Vergleich seien die Lemmata zu Hitler und Konzentrationslager aus beiden Publikationen gegenübergestellt.

Da die Neuausgaben der Lexika von Brockhaus und Meyer entsprechend einer älteren Absprache abwechselnd im Turnus erschienen, hatte das Bibliographische Institut das Pech, die Neubearbeitung seines Lexikons erst in den 30er Jahren betreiben zu können, so dass die von 1936 bis 1942 erschienene 8. Auflage des ›Meyers‹ maßgeblich durch die Zusammenarbeit mit der PPK geprägt und »inhaltlich aufgrund der Indoktrinierung durch die damaligen nationalsozialistischen Machthaber mit Vorsicht zu genießen ist; bei fast jedem Artikel ist dies eminent & aufgrund dessen wird diese Ausgabe auch als der ›Nazi-Meyer‹ oder der ›Braune Meyer‹ bezeichnet.« (Zitat aus: https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/Meyers-Lexikon-8-Auflage/).

Ausführlich zum Thema:

  • Thomas Keiderling: Der Lexikonverlag, in Fischer, E. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 3: Drittes Reich, Teil 1. Berlin : De Gruyter, 2015. S. 425 ff.
  • ders.: Enzyklopädisten und Lexika im Dienst der Diktatur? Die Verlage F. A. Brockhaus und Bibliographisches Institut („Meyer“) in der NS-Zeit, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Jg. 60. 2012 Heft 1, S. 69–92 (https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2012_1.pdf)
  • ders.: Lexikonarbeit im Nationalsozialismus. Eine vergleichende Untersuchung zu F. A. Brockhaus und dem Bibliographischen Institut, in: Saur, Klaus Gerhard (Hrsg.): Verlage im „Dritten Reich“, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderband 109. Frankfurt a.M. : Klostermann, 2013. S. 79–108.
  • ders. (Hrsg.): F. A. Brockhaus: 1905–2005. Leipzig, Mannheim: F.A. Brockhaus, 2005. S. 145–187 bes. 161–164

Zu ›Meyers Lexikon 8. Auflage (1936–1942)‹: https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/Meyers-Lexikon-8-Auflage/

Zu ›Der Grosse Brockhaus 15. Auflage (1928–1935/1939)‹: https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/Der-Grosse-Brockhaus-15-Auflage/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gro%C3%9Fe_Brockhaus,_15._Auflage

Schönheit in Krisenzeiten

Ein neuer hübscher Fund im Bücherregal, der zeigt, dass ›Kulturverleger‹ (s. auch https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/steinen1912/0005) wie Samuel Fischer auch in Krisenzeiten – der Band wurde 1917 hergestellt – Wert auf eine ansprechende Gestaltung und gute Verarbeitung ihrer Bücher legten. Alleredings wurde im vorliegenden Fall mit etwas zu viel Druck gedruckt, und es musste auf »Papier mit Holzschliffzusatz« zurückgegriffen werden – oder ist das der Grund für die relativ starke Schattierung? –, wobei ihm die angeblich mindere Papierqualität auch nach über 103 Jahren nicht anzusehen ist.

Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Einband
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Vorsatz
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. Impressum
Hermann Hesse: Peter Camenzind. Berlin: S. Fischer Verlag, 1917. S. 126 f.

Buchkunstbewegung um 1900

Und wieder ein erfreulicher Zufallsfund, diesmal jedoch im Antiquariat von Friedrich Welz, der seinen Laden leider vor kurzem geschlossen hat: https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-friedrich-welz-schliesst-nach-fast-40-jahren-sein-antiquariat-_arid,583446.html.

In dem 1901 bei Hermann Seemann Nachfolger verlegten Sammelband sind drei sehr lesenswerte Beiträge in deutscher Übersetzung abgedruckt, die William Morris, Emery Walker, Thomas James Cobden-Sanderson und Reginald Blomfield 1893 zu den Themen ›Printing‹, ›Bookbinding‹ und ›Of Book Illustration and Book Decoration‹ in den Arts and Crafts Essays veröffentlicht hatten.

Das zeigt – wie z.B. auch die von Peter Jessen organisierten Ausstellungen in Berlin –, dass die Reformideen des Arts and Crafts Movement und die damit verbundenen Bemühungen von Morris, Walker und Cobden-Sanderson um eine Erneuerung der Buchkunst in Deutschland erst mit einer gewissen Verzögerung rezipiert wurden.

Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. Titel
Kunst und Handwerk – Arts and Crafts Essays: II. Die Buchkunst. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1901. S. 1

Götter, Gräber und Gelehrte

Heute im öffentlichen Bücherregal gefunden: eine sehr gut erhaltene Ausgabe aus dem Jahr 1957 von C. W. Cerams (alias Kurt Wilhelm Marek) erstmals 1949 erschienenen Klassiker ›Götter, Gräber und Gelehrte‹. Für mich ist es immer noch eines der am besten lesbaren nicht-wissenschaftlichen Bücher zum Thema ›Archäologie‹, vor allem wenn man bedenkt, unter welchen Umständen Marek das Buch wenige Jahre nach Kriegsende geschrieben hat.

Allein das Vorwort ist lesenswert. So heißt es etwas kokett oder doch sehr ehrlich bereits auf den ersten beiden Seiten:

»Ich rate dem Leser, das Buch nicht auf der ersten Seite zu beginnen. Ich tue das deshalb, weil ich weiß, wie wenig die überzeugteste Versicherung des Autors verfängt, daß er einen außerordentlich interessanten Stoff vorzutragen habe, wie wenig besonders dann, wenn der Titel einen Roman der Archäologie verspricht, der Altertumskunde, von der jedermann überzeugt ist, daß sie eine der trockensten und langweiligsten Wissenschaften sei.

[…]

Unser Buch ist ohne wissenschaftliche Ambitionen geschrieben. Vielmehr wurde nur versucht, eine bestimmte Wissenschaft derart zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, daß die Arbeit der Forscher und Gelehrten vor allem in ihrer inneren Spannung, ihrer dramatischen Verknüpfung, ihrem menschlichen Gebundensein sichtbar wurde. Dabei durfte die Abschweifung nicht gescheut werden, ebensowenig wie die persönliche Reflexion und die Herstellung aktueller Bezogenheit. Dadurch ist ein Buch entstanden, das der Wissenschaftler ›unwissenschaftlich‹ nennen muß.

Ich habe dafür nur eine Entschuldigung, daß dies genau in meiner Absicht lag. Denn ich fand, daß diese reiche Wissenschaft, in deren Taten sich Abenteuer und Stubenfleiß, romantischer Aufbruch und geistige Selbstbescheidung paarten, in der die Tiefe aller Zeiten und die Weite globalen Raumes ausgeschritten wurde, in Fachpublikationen begraben worden war. Wie hoch auch immer der wissenschaftliche Wert dieser Publikationen war – sie waren keineswegs dazu geschrieben, ›gelesen‹ zu werden. […]

Trotz der jeder reinen Deskription abholden Methode, die mir hier die Feder führte, bin ich in höchstem Grade der reinen archäologischen Wissenschaft verpflichtet. Wie könnte es anders sein – das Buch ist ein Loblied auf ihre Ergebnisse, ihren Scharfsinn, ihre Unermüdlichkeit; auf die Forscher selbst vor allem, die meist nur aus echter Bescheidenheit verschwiegen, was – weil es des Nacheiferns wert ist – der Verkündung bedarf. […]. Der ›Roman der Archäologie‹ ist ein Roman im barocken Sinn, insofern er im ältesten Sinn romantische (der Realität durchaus nicht widersprechende) Ereignisse und Lebensläufe erzählt.

Aber er ist ein ›Tatsachenroman‹, und das will im vorliegenden Fall im allerstrengsten Sinne heißen: Alles, was hier erzählt wird, ist nicht etwa nur an Tatsachen geknüpft (und von der Phantasie des Autors ausgeschmückt), sondern ist im einwandfreiesten Sinn allein aus Tatsachen zusammengefügt (zu denen die Phantasie des Autors auch nicht das kleinste Ornament hinzufügte, sofern dies Ornament nicht ebenfalls von der Zeitgeschichte geliefert wurde).Dennoch bin ich überzeugt, daß der Fachwissenschaftler, der dies Buch in die Hand bekommt, Fehler in ihm entdecken wird. […]«

Das Buch und seine bis 1957 über 500.000 verkauften Exemplare haben nicht unwesentlich zur Wiederbelebung des Verlags nach dem Krieg beigetragen. Zur wirklich erstaunlichen Entstehungs- und Erfolgsgeschichte des Buches sowie zu Kurt W. Marek gibt es einen aufschlussreichen Beitrag in der 2008 erschinenen Chronik des Verlags: Gieselbusch, Hermann; Moldenhauer, Dirk; Naumann, Uwe; Töteberg, Michael: 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. S. 159–165. Der Untertitel des Kapitels ist eindeutig: ›Ein Lektor schreibt einen Bestseller und saniert den Verlag‹Geschichte des Buches; s. auch https://www.fr.de/kultur/literatur/wieder-11561241.html

Das waren noch Zeiten

Das waren noch Zeiten, als auch bei wissenschaftlichen Publikationen auf eine ansprechende Gestaltung, Typographie Wert gelegt wurde: Hier eine Graphik – der stratigraphische Aufriss nach der 1904 vorgenommenen Untersuchung im Westhof des Palastes von Knossos auf Kreta – aus dem auch inhaltlich noch lesenswerten Klassiker von Arthur Evans ›The Palace of Minos‹ (1921–1936), hier S. 33 von Band 1 von 1921.

Alle sechs Bände von Evans’ ›Palace of Minos‹ sind übrigens in der ›Digitalen Bibliothek‹ der UB Heidelberg einzusehen: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921ga

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/evans1921bd1/0058

Neues Handschriftenportal

Hochinteressant: Seit zwei Jahren arbeiten die Staatsbibliothek Berlin, die UB Leipzig, die Bayrische Staatsbibliothek München und die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel an der Realisierung eines Handschriftenportals, das »als zentrale Plattform für Erschließungs- und Bilddaten zu Buchhandschriften aus deutschen Sammlungen« fungieren soll. Das Projekt wird von der DFG gefördert und soll »Ende 2021/Anfang 2022 das Handschriftenportal Manuscripta Mediaevalia ablösen«. »Damit wird ein multifunktionales Find- und Arbeitsinstrument für die Recherche von und die Arbeit mit beschreibenden Informationen und Digitalisaten zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Buchhandschriften bereitstehen.« Aktuell gibt es die Möglichkeit, die Testumgebung auszuprobieren und den betreffenden Institutionen Erfahrungen mitzuteilen.